Im Anderssein genau richtig sein
Der Drittklässler Oz/Ozzy/Oswald ist anders. Seine Mutter Ann auch. Beide sind neurodivergent und haben ADHS. Aber sie sind eben auch genau richtig und dies bringt Birgit Birnbacher in ihrem warmherzigen Roman wirklich eindrücklich rüber.
Als Oz mit seinem Zeugnis einen Brief von seiner Klassenlehrerin, der über ihn Schlimmes behauptet, mit nachhause bringt, wünscht er sich, etwas Mittelschlimmes würde passieren und die Mutter Ann ablenken, damit das, was im Brief steht, gar nicht mehr so ins Gewicht fällt. Dann passiert tatsächlich etwas Schlimmes, denn Oz‘ Großmutter Zäzilia verschwindet aus dem Krankenhaus und muss gesucht werden, also machen sich Ann und Oz auf den Weg in die Berge. Anns Schwester Nell wird auch mit hinzugerufen und dann gibt es da noch den Nachbarn von Oz‘ Großmutter, genannt „Der Leipziger“. Und weil ein Unglück selten allein kommt, wird dann alles noch schlimmer.
Die größten Sträken von Birnbachers neuen Roman liegt eindeutig in der Darstellung der Figuren Oz und seiner Mutter Ann. Und auch wenn ich mich dagegen verwehre, dass jemand mit ADHS oder Autismus „daran leidet“ (weil: es handelt sich nicht um eine schreckliche Erkrankung, sondern kurz gesagt eine andere Art neurologisch zu funktionieren als die Masse der Menschen), so leiden doch beide darunter mit dieser Besonderheit in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft zurechtzukommen. Oz ist in der Schule ganz anders gefordert als die meisten Kinder und Ann versucht im Arbeitsleben sowie als getrennt lebende Mutter über die Runden zu kommen. Birnbacher geht in die Tiefe, wenn sie die Besonderheiten im Denken, Fühlen und Handeln ihrer Hauptprotagonist:innen darstellt und schafft dies auf unglaublich authentische Art und Weise. Hier hat sie hervorragend recherchiert, sich beraten lassen und schriftstellerisch das Wissen wirklich congenial umgesetzt. Konnte ich Ann und ihre Kämpfe sehr gut nachvollziehen, so habe ich mit dem kleinen Oz richtig mitgefiebert. Er ist ein toller Junge, dem ich so gern durch diese Geschichte gefolgt bin.
Sprachlich ist „Sie wollen uns erzählen“ wieder einmal, wie von Birgit Birnbacher gewohnt, ausgesprochen gelungen. Mit nur wenigen Worten erschafft sie die Außen- wie auch Innenwelt ihrer Figuren. Prägnant bringt sie Probleme auf den Tisch und zeigt gesellschaftliche Mängel im Umgang mit neurodivergenten Menschen auf.
Allein die Nebenfiguren und die damit verbundene Handlung waren für mich eher Fremdkörper in diesem Roman, die von der eigentlichen Geschichte um Oz und seine Mutter ablenken. Auch fand ich zum Ende hin die Handlung bzw. Andeutungen, was zwischen den Figuren abläuft und zukünftig ablaufen könnte mitunter doch sehr abstrus. Dies hätte dann ein eigener Roman mit einer eigenen Sprache und einer differenzierteren Handlung werden sollen. Hier aber stört dies die eindrückliche Geschichte meines kleinen Helden Oz und seiner Mutter Ann.
Deshalb wird der vorliegende Roman leider nicht ein Highlight für mich sein, wenngleich ich ihn trotzdem wärmstens empfehlen kann, da ich eine prosaische Darstellung von ADHS so authentisch und nah an den Menschen bisher noch nicht gelesen habe.
4/5 Sterne
Als Oz mit seinem Zeugnis einen Brief von seiner Klassenlehrerin, der über ihn Schlimmes behauptet, mit nachhause bringt, wünscht er sich, etwas Mittelschlimmes würde passieren und die Mutter Ann ablenken, damit das, was im Brief steht, gar nicht mehr so ins Gewicht fällt. Dann passiert tatsächlich etwas Schlimmes, denn Oz‘ Großmutter Zäzilia verschwindet aus dem Krankenhaus und muss gesucht werden, also machen sich Ann und Oz auf den Weg in die Berge. Anns Schwester Nell wird auch mit hinzugerufen und dann gibt es da noch den Nachbarn von Oz‘ Großmutter, genannt „Der Leipziger“. Und weil ein Unglück selten allein kommt, wird dann alles noch schlimmer.
Die größten Sträken von Birnbachers neuen Roman liegt eindeutig in der Darstellung der Figuren Oz und seiner Mutter Ann. Und auch wenn ich mich dagegen verwehre, dass jemand mit ADHS oder Autismus „daran leidet“ (weil: es handelt sich nicht um eine schreckliche Erkrankung, sondern kurz gesagt eine andere Art neurologisch zu funktionieren als die Masse der Menschen), so leiden doch beide darunter mit dieser Besonderheit in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft zurechtzukommen. Oz ist in der Schule ganz anders gefordert als die meisten Kinder und Ann versucht im Arbeitsleben sowie als getrennt lebende Mutter über die Runden zu kommen. Birnbacher geht in die Tiefe, wenn sie die Besonderheiten im Denken, Fühlen und Handeln ihrer Hauptprotagonist:innen darstellt und schafft dies auf unglaublich authentische Art und Weise. Hier hat sie hervorragend recherchiert, sich beraten lassen und schriftstellerisch das Wissen wirklich congenial umgesetzt. Konnte ich Ann und ihre Kämpfe sehr gut nachvollziehen, so habe ich mit dem kleinen Oz richtig mitgefiebert. Er ist ein toller Junge, dem ich so gern durch diese Geschichte gefolgt bin.
Sprachlich ist „Sie wollen uns erzählen“ wieder einmal, wie von Birgit Birnbacher gewohnt, ausgesprochen gelungen. Mit nur wenigen Worten erschafft sie die Außen- wie auch Innenwelt ihrer Figuren. Prägnant bringt sie Probleme auf den Tisch und zeigt gesellschaftliche Mängel im Umgang mit neurodivergenten Menschen auf.
Allein die Nebenfiguren und die damit verbundene Handlung waren für mich eher Fremdkörper in diesem Roman, die von der eigentlichen Geschichte um Oz und seine Mutter ablenken. Auch fand ich zum Ende hin die Handlung bzw. Andeutungen, was zwischen den Figuren abläuft und zukünftig ablaufen könnte mitunter doch sehr abstrus. Dies hätte dann ein eigener Roman mit einer eigenen Sprache und einer differenzierteren Handlung werden sollen. Hier aber stört dies die eindrückliche Geschichte meines kleinen Helden Oz und seiner Mutter Ann.
Deshalb wird der vorliegende Roman leider nicht ein Highlight für mich sein, wenngleich ich ihn trotzdem wärmstens empfehlen kann, da ich eine prosaische Darstellung von ADHS so authentisch und nah an den Menschen bisher noch nicht gelesen habe.
4/5 Sterne