nach dem Klappentext hatte ich mir etwas mehr versprochen

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petral. Avatar

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Die Handlung des Romans „Sie wollen uns erzählen“ von Birgit Birnbacher hat mich zunächst sehr angesprochen. Laut Klappentext stehen die Mutter Ann und ihr Sohn Ozzy im Mittelpunkt, die beide mit ADHS leben und sich in einer Welt behaupten müssen, die stark von Erwartungen und Normen geprägt ist.

Der Einstieg in die Geschichte ist gelungen und zieht sofort in den Bann. Am letzten Schultag vor den Ferien erhält Ozzy einen Brief seiner Lehrerin für seine Mutter. Aus Sicht der Schule hat er etwas sehr Schlimmes getan, aus seiner eigenen Perspektive jedoch handelte er aus Mitgefühl. Diese Diskrepanz sorgt für Spannung, vor allem, weil Ozzy große Angst davor hat, seiner Mutter davon zu erzählen, und die Situation zunächst hinauszögert.

Im weiteren Verlauf hatte ich allerdings das Gefühl, dass die im Klappentext angedeuteten Konflikte weniger intensiv ausfallen als erwartet. Zwar wird Ozzy als jemand beschrieben, der Schwierigkeiten in der Schule hat, doch bei einem Notendurchschnitt von 1,2 und der Empfehlung fürs Gymnasium, wirken diese kaum greifbar. Gleichzeitig ist er sozial eingebunden und hat Freundschaften, was den Eindruck verstärkt, dass seine Herausforderungen eher angedeutet als wirklich durchlebt werden.

Mir kam es zudem so vor, als wäre die Mutter deutlich stärker von ADHS geprägt als ihr Sohn. Ihre Art machte auf mich häufig den Eindruck, als würde man im Umgang mit ihr auf einem Pulverfass sitzen, sie schien im Kontakt mit anderen oft kurz davor, die Fassung zu verlieren, während Ozzy in manchen Situationen sogar als der Vernünftigere der beiden erschien.

Gerade in Bezug auf das Thema ADHS hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Der Roman vermittelt stellenweise den Eindruck, als würde ADHS vor allem mit liebenswertem Chaos und Individualität verbunden sein. Das mag ein Teil der Realität sein, doch die damit einhergehenden Schwierigkeiten, Spannungen und Herausforderungen bleiben für mein Empfinden zu sehr im Hintergrund.

Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass die Autorin keine einfachen oder klischeehaften Lösungen anbietet. Die Figuren dürfen in ihrer Eigenart bestehen, ohne dass alles glattgebügelt wird. Dennoch hat mich die Geschichte emotional nicht vollständig erreicht. Ich hätte mir gewünscht, stärker in die Gedankenwelt, die Impulsivität und auch die kreativen sowie herausfordernden Seiten von Menschen mit ADHS eintauchen zu können.

Für mich war letztlich sogar der Teil der Geschichte am spannendsten, der sich gar nicht unmittelbar mit dem Thema ADHS beschäftigt hat. Die Suche nach Anns Mutter sowie das Wiedersehen mit ihrer Schwester. Gerade diese Schwester, die ebenfalls eine sehr eigenwillige Art hatte und sich Ozzy gegenüber etwas wirklich Krasses erlaubte, hat der Handlung nochmal eine ganz andere Intensität gegeben. Dieser Abschnitt war für mich der fesselndste im ganzen Buch.
Allerdings hätte ich mir hier am Ende noch mehr Klarheit gewünscht, insbesondere, ob Ann ihre Schwester noch einmal zur Rede gestellt hat und wie diese darauf reagiert hat.

Auch wenn mich das Buch nicht in allen Punkten vollständig überzeugen konnte, habe ich es insgesamt gern gelesen und vergebe 4 von 5 Sternen.