Nervenknistern

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regenprinz Avatar

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Sprachlich hat mich dieser Roman von Birgit Birnbacher wirklich begeistert. Es ist absolut faszinierend und auch unvergleichlich, wie sie es schafft, die Neurodivergenz ihrer beiden Hauptfiguren in der Erzählweise abzubilden. So wird z.B. das Sprunghafte von Ozzys oder Anns Gedanken direkt weitertransportiert in den Kopf des Lesenden.
Man wird mitgerissen, manchmal überflutet, und kann dadurch vieles sehr gut nachvollziehen, wenn es um Anns Ärger geht über die blöden Schubladen, in die ihr Kind und sie einfach nicht passen, das Schulsystem oder die üblichen Anforderungen einer durchnormierten Gesellschaft, wie wir sie derzeit haben.

Im Innergebirg, wo Ann mit ihrer Schwester Nell aufgewachsen ist, sind die Gegebenheiten ein bisschen anders und boten in ihrer Kindheit mehr Freiheiten. Wobei auch Ann an Schule und Ausbildung beinahe gescheitert wäre, bis sie ihre Nische in der Soziologie gefunden hat. Mich hat vieles an der Geschichte berührt und mir die Augen geöffnet. Schon allein Ozzys Bemühen, Ann unbedingt die wahre Hasengeschichte erzählen zu wollen und ständig ihre Befindlichkeiten zu checken, ist literarisch extraklasse. Auch den Humor im Buch mochte ich total gern! Präziser kann man Kritik kaum verpacken.

Allerdings habe ich im zweiten Teil des Romans, nach der Ankunft im Innergebirg, inhaltlich ein bisschen den Faden der Geschichte verloren. Mit Zäzilia und dem Leipziger, Tante Nelly und der Bedrohung durch das nahende Unwetter, franste das Geschehen für mich irgendwie auseinander und verlor an Wucht. Sprachlich fand ich den Roman allerdings bis zum Ende hervorragend.