Präzise und zerstreut zugleich
„Sie wollen uns erzählen“ von Birgit Birnbacher war sowohl mein erster Roman von ihr als auch mein erster Roman mit ADHS als Thema. Die Leseprobe gefiel mir unglaublich gut, da sie mir die Innenwelt von Oz (Anns Sohn) sehr nah brachte: da war die Angst eines Kindes, etwas beichten zu müssen, nicht verstanden zu werden, sich nicht verständlich machen zu können und zugleich so ein ausgeprägtes Gespür für die eigene Mutter und deren Eigenarten. Über die folgenden Kapitel fand ich den Roman leider zunehmend "unordentlich". Ich kann mir denken, dass es zum Teil gewollt war, um auf einer weiteren Ebene die Innenwelt von ADHS auszudrücken, allerdings waren die wechselnden Erzählperspektiven mir technisch zu unsauber, sie schienen mir personal gemeint aber auktorial ausgeführt zu sein, beides allerdings nicht konsequent, was mich irgendwann sehr gestört hat. Trotzdem ist der Roman ein enorm sprachintensives Leseerlebnis von der ersten bis zur letzten Seite, mit beeindruckend präzisen zwischenmenschlichen Beobachtungen, die gekonnt zwischen den Zeilen erzählt werden.