Wenn Neurodivergenz in der Familie liegt ...

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Oz erhält am letzten Schultag vor den Ferien das Zeugnis, das über seine Schullaufbahn entscheiden wird und darüber, ober er mit seiner noch nicht endgültig getesteten ADHS überhaupt „beschulbar“ ist. Außerdem muss er einen Brief seiner Lehrerein Carina an seine Mutter Ann unterschreiben lassen. Weil Ann wie ihr Sohn neurodivergent ist, muss Oz ihr das unaussprechliche Ereignis so rücksichtsvoll beibringen, dass sie nicht ausflippt und weiter an ihrem Auftrag arbeiten kann, mit dem sie als Soziologin den Lebensunterhalt verdient. Wenn Oz Test abgeschlossen ist, bestätigt das zugleich Anns neurologische Abweichung. Ihr fällt es sichtlich schwer, der Leuchtturm im Meeer zu sein, der im Sturm dem kleinen Boot „Oz“ den Weg weist. Die Situation von Mutter und Sohn wirkt zunächst alltäglich. Auch Birgit Birnbacher bringt ihren Leser:innen die nüchternen Fakten in kleinen Portionen bei. Anns ADHS hat offenbar zum Ende ihrer Ehe mit Christian geführt, der lange versuchte, sie zu formen, zur Einnahme von Medikamenten zu überreden. Gemeinsam hatten sie ihre Luftschlösser gepflegt, von dem einen anderen Medikament, der anderen Therapie, alternativer Ernährung und dem Ende der Schulpflicht für Oz. Mutter und Sohn sind in Therapie; Ann soll an ihrer Impulskontrolle arbeiten und Oz wünscht sich eine Therapeutin, die bitte etwas schneller sprechen würde. Dass alles schnell gehen muss und es ihnen nie fad werden darf, vereint Mutter und Sohn.

Der Anruf aus dem Krankenhaus, Anns bereits für eine Operation vorbereitete Mutter Zäzilie wäre verschwunden, bricht in das labile Gleichgewicht zwischen Ann und Oz ein. Während Ann sich um Zäzilie kümmern würde, muss jemand noch heute Oz in sein Feriencamp fahren – und das kann nur ihre Schwester Nell sein. Ann und Nell waren als Kinder als die „wilden Mädchen“ berüchtigt. Getestet wurde damals nichts, denn ihr Vater fand, wenn in der Region zwei psychiatrische Kliniken sind, weiß man, was eine psychische Krankheit ist, und hält sich nicht mit wilden Töchtern auf. Die abenteuerliche Begegnung zwischen Ann, Oz, Zäzilie und ihrem „Leipziger“, sowie Nell und ihrer Landkommune im Waldviertel fordert nicht nur die Beteiligten heraus, auch Birnbachers Leser:innen müssen ihr Urteil über die Figuren neu einnorden.

Fazit
Oz in seinem Bemühen, Ann stets vor Stress zu bewahren, indem er ihr alles „richtig“ erzählt, hat mich sehr berührt. Durch einige österreichische Wörter im Text konnte ich mich so gut in seine leichte Ablenkbarkeit versetzen. Nein, ich wollte jetzt nicht nachschlagen, was ein Hausbesorger ist oder ein Wettex, konnte das nicht bitte aufhören, damit ich mich endlich in Anns und Oz ADHS hineindenken konnte! Wer Tierleid schwer erträgt, sollte nicht zu diesem Buch greifen. Wer sich jedoch für den Punkt im Leben interessiert, an dem in einer Krise keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten genommen werden kann und irgendwer die Verantwortung übernehmen muss, dem sei „Sie wollen uns erzählen“ wärmstens empfohlen.