Funken gegen Finsternis

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Als ich die Leseprobe angefangen habe, hatte ich ehrlich gesagt ein bisschen Angst, denn nach „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“, waren meine Erwartungen riesig und ich hatte Sorge vor Enttäuschung. Aber schon nach den ersten Seiten war klar, dass Christian Huber das einfach kann - auch in diesem Buch scheint es, als wenn die Handlung unter die Haut geht.
Mein erster Eindruck war vor allem, dass die Geschichte zuerst recht kühl wird. Man spürt die Nässe, die Bohm hasst, man riecht den Müllcontainer, man friert mit ihm. Andererseits ist da diese unglaubliche Zärtlichkeit in der Art, wie er die Welt wahrnimmt. Dazu gehört das Licht der Lampe, das kleine Detail am Rande, der Hund, der einfach bleibt. Bohm wirkt auf den ersten Blick verschlossen und etwas trotzig. Aber zwischen den Zeilen spürt man, wie viel in ihm arbeitet und dass es Geschichten gibt, die noch nicht erzählt wurden.
Mit Alina wechselt dann alles - das Tempo, der Ton und die Atmosphäre. Vom Hinterhof direkt ins Hochhaus und vom Schlafsack direkt in einen Konferenzraum. Dabei hat mich ihre Müdigkeit, ihre Angst vor dem Scheitern, dieses Funktionieren-Müssen, fast mehr getroffen als die Härte von Bohms Alltag. Das liegt vor allem daran, dass es für mich so nah und gegenwärtig ist und ich mich häufiger frage, wie schnell ein aufstreben in ein austauschen kippen kann.
Der Spannungsaufbau verläuft unterschwellig und vor allem durch die Erwartung, wie diese beiden Welten aufeinandertreffen werden. Was wird passieren, wenn Alina nicht nur filmt, sondern wirklich hinsieht? Was macht das mit Bohm, der so offensichtlich gelernt hat, sich nicht beobachten zu lassen?
Besonders hängen geblieben ist mir die Szene mit der „Million-Dollar-Maus“. Sie ist gleichzeitig absurd, traurig und wunderschön. Eine ausgerottete Maus, die niemand mehr wollte und ein Mann, der sie trotzdem schnitzt, weil er „nicht mag, wenn einem keine Chance gelassen wird“. Das ist so ein typischer Satz des Autors - unaufgeregt, aber mit Wucht. Da steckt das ganze Thema drin, nämlich wer darüber entscheidet, wer eine zweite Chance bekommt und wer aussortiert wird?
Ich erhoffe mir vom Fortgang der Geschichte keine einfache Rettung oder einen pathetischen Fernsehmoment, sondern auf etwas Reibung, ehrlich Begegnungen und auf eine unbequeme Wahrheit - sowohl für die Figuren als auch für die Lesenden. Zudem möchte ich verstehen, was in Bohms Brief steht. Ich möchte wissen, wie sein Leben „entgleitet“ ist und ob es wirklich nur ein Entgleiten war oder eine Entscheidung.
Ich würde das Buch unglaublich gern weiterlesen, weil ich das Gefühl habe, dass hier etwas Großes vorbereitet wird. Außerdem weiß ich aus Erfahrung mit Christian Huber, dass es nicht nur um das Feuer geht, wenn er ein Streichholz anzündet, sondern um das, was im Dunkeln sichtbar wird.