Aufwühlend, unterhaltsam, bereichernd.

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dorli Avatar

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Die Karriere der Kölner Fernsehjournalistin Alina Alev will einfach nicht in Schwung kommen. Alina ist überzeugt davon, bei einem kurzfristig anberaumten Meeting ihre Kündigung zu bekommen. Doch das Gegenteil ist der Fall, sie erhält unerwartet die Chance, an einem neuen Projekt mitzuarbeiten. Sie soll eine Reportage zum Thema Obdachlosigkeit erstellen. Dafür sucht sie jemanden, der auf der Straße lebt und den sie einige Zeit durch den Alltag begleiten kann. Eine Sozialarbeiterin empfiehlt ihr, den Mittdreißiger Bohm anzusprechen. Alina macht Bohm ausfindig, erklärt ihm ihr Vorhaben und bietet ihm für seine Mitwirkung tausend Euro an. Doch Bohm wimmelt sie ab. Als das Schicksal ihm kurz darauf einmal mehr ein Bein stellt, ändert er jedoch seine Meinung…

In seinem Roman „Solange ein Streichholz brennt“ beleuchtet Christian Huber den Alltag zweier Menschen, deren Lebenswelten auf den ersten Blick total unterschiedlich sind, bei näherem Hinsehen allerdings frappierende Ähnlichkeiten aufweisen. Mit Alina und Bohm lässt der Autor zwei einsame Seelen aufeinandertreffen, die auf verschiedene Weise mit der Bitternis des Lebens konfrontiert werden.

Christian Huber hat ein sehr gutes Händchen für Figurenzeichnung. Sowohl Alina wie auch Bohm kommen absolut echt und menschlich rüber. Sie handeln entsprechend ihren Eigenarten, treffen logische Entscheidungen und machen eine glaubwürdige Entwicklung durch. Die beiden kommen im stetigen Wechsel zu Wort, so dass man intensiv an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben kann und dadurch nicht nur versteht, wie sie ticken, sondern auch ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe miterlebt.

Es war für mich überaus faszinierend zu beobachten, wie die anfängliche Distanz zwischen Alina und Bohm schrumpft und das Band zwischen ihnen immer fester wird. Christian Huber schildert die Annäherung dieser augenscheinlich sehr unterschiedlichen Menschen mit ganz viel Gefühl - ein Knistern hier, ein Funken da, Zuneigung flammt auf, dann wieder auf beiden Seiten abwiegeln und leugnen. Doch als Leser spürt man lange bevor die Protagonisten es wahrhaben wollen, dass der Zug längst ins Rollen gekommen und nicht mehr zu stoppen ist.

„Solange ein Streichholz brennt“ ist nicht nur eine mitreißende Liebesgeschichte, sondern hat auch eine gute Portion Gesellschaftskritik im Gepäck. Dass das Leben auf der Straße kein Zuckerschlecken ist und es in der Medienbranche knallhart und skrupellos zugeht, ist landläufig bekannt. Doch wie lebt es sich, wenn ein sowieso schon schwieriger Alltag durch mangelnde Wertschätzung noch unerträglicher wird? Christian Huber ermöglicht dem Leser einen intensiven Einblick in zwei Welten, in denen ein respektloses und erniedrigendes Verhalten oft üblicher Usus ist. Darüber hinaus zeigt er, wie schnell eine plötzliche Instabilität oder ein Schicksalsschlag ein Leben komplett aus der Bahn werfen kann. Sehr gut gefallen hat mir, dass der Autor ein gutes Gespür für die richtige Dosierung hat - die gesellschaftlichen Probleme werden mit dem nötigen Ernst dargestellt, überlagern bzw. erdrücken die Liebesgeschichte aber nicht.

Begeistert hat mich, wie das Streichholz in Szene gesetzt wird. Es ist nicht nur titelgebend und auf dem Cover abgebildet, es spielt auch im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle. Die Symbolkraft ist toll. Im Leben ist es wie bei einem herunterbrennenden Streichholz - irgendwann ist da nur noch Schmerz, wenn man nicht loslässt; wenn man Vergangenes nicht hinter sich lässt.

Das Ende der Geschichte habe ich als sehr gelungen empfunden - nicht rosarot, aber voller Hoffnung und mit der Möglichkeit, neue Wege zu gehen.

„Solange ein Streichholz brennt“ ist einfach großartig. Ein Roman, der aufwühlend, unterhaltsam und bereichernd ist. Eine Geschichte, die mich begeistert hat, weil sie nicht nur mit Worten, sondern mit ganz viel Gefühl erzählt wird.