Intensiv erzählte Geschichte mit Tiefgang

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monika85 Avatar

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Nach seinem 2022 erschienenen Bestseller "Man vergisst nicht, wie man schwimmt" hat der Autor Christian Huber mit "Solange ein Streichholz brennt" einen Roman veröffentlicht, in dem sich zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Welten begegnen.
 
Der 36-jährige Daniel Bohm, im Buch kurz Bohm genannt, lebt seit 5 Jahren in Köln auf der Straße. Einen Rucksack, in dem sich neben einigen persönlichen Gegenständen ein an ihn gerichteter ungeöffneter Brief befindet, eine Isomatte und einen Schlafsack - mehr besitzt er nicht. Ein zugelaufener Hund, den er Fox nennt, wird sein treuer Begleiter. Als er auf dem Flohmarkt kleine, selbst geschnitzte Holzmäuse verkauft, wird er von Alina Alev angesprochen, einer Fernsehjournalistin, die seit zwei Jahren für den TV-Sender RTI arbeitet. Sie möchte Bohm für eine Reportage eine Woche lang begleiten, um über seinen Alltag zu berichten und bietet ihm dafür ein Honorar von tausend Euro an. Bohm lehnt zunächst ab, doch als sein Hund dringend tierärztlich behandelt werden muss, erklärt er sich bereit, mit Alina zusammenzuarbeiten ...
 
Die kurzweilige Geschichte ist abwechselnd aus den Perspektiven von Bohm und Alina erzählt und liest sich sehr flüssig. Die beiden Protagonisten sind authentisch und mit viel Feingefühl beschrieben. Es hat mir viel Lesefreude bereitet, in ihre Leben einzutauchen und sie für eine kurze Zeitspanne zu begleiten. Auf der einen Seite lernen wir die unsichere und unter starkem beruflichem Druck stehende Alina kennen, die schon mit ihrer Kündigung gerechnet hatte und nun für die Reportage über Bohm eine letzte Chance bekommt. Auf der anderen Seite begegnen wir dem alkoholabhängigen Bohm, der ein hartes Leben auf der Straße führt und über seine Vergangenheit schweigt. Es hat mich sehr berührt, dass er alles ihm Mögliche unternimmt, um seinen schwerverletzten Hund zu retten und auch darüber hinaus immer wieder seine sensible Seite zeigt. 
 
Ich habe den Roman bis zum hoffnungsvollen Ende sehr gern gelesen, obwohl mir die Handlung nicht immer ganz glaubhaft erschien. Neben Alinas und Bohms behutsamer Annäherung, die der Autor vollkommen kitschfrei beschreibt, geht es auch um Verlust und Schuld, um Stigmatisierung von wohnungslosen Menschen und die Sensationsgier der Medien. Gegen Ende des Buches erfahren wir, welche bedauerlichen Umstände zu Bohms Obdachlosigkeit geführt haben. 
 
Christian Huber zeigt in seinem Buch sehr deutlich auf, wie schnell Menschen durch persönliche Krisen in die Obdachlosigkeit geraten können und wie schwer es ist, aus dieser scheinbar hoffnungslosen Situation wieder herauszufinden. Er beschreibt auch die Vorurteile und Vorbehalte der Gesellschaft ihnen gegenüber und die Erniedrigungen, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind.

Auch die oberflächliche und skrupellose Scheinwelt der Medien hat der Autor sehr eindrucksvoll geschildert und gewährt dabei interessante und intensive Einblicke in den Arbeitsalltag eines TV-Produktionsteams, dessen oberste Prioritäten auf einer reißerischen Berichterstattung und einer hohen Einschaltquote liegen.

Absolute Leseempfehlung für diese einfühlsame und bewegende Geschichte, die mich sehr nachdenklich gemacht hat!