Ein Sommer zwischen Trauer, Familie und etwas Unheimlichem

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
maison.tania Avatar

Von

Schon die ersten Seiten von Sommerhaus haben bei mir dieses seltene Gefühl ausgelöst, sofort ganz in eine Geschichte hineingezogen zu werden. Nicht laut. Nicht spektakulär. Sondern durch Atmosphäre. Durch dieses flirrende, schwere Sommerlicht am italienischen See, durch das „schlapp schlapp“ der Flip-Flops auf heißem Stein, durch Erinnerungen, die gleichzeitig wunderschön und traurig wirken.
Rachel Joyce schafft es unglaublich gut, Stimmungen zu schreiben. Man spürt diesen Sommer förmlich auf der Haut – die Hitze, den See, die Müdigkeit, die Spannung zwischen den Figuren. Gleichzeitig liegt von Anfang an etwas Unruhiges über allem. Man weiß sofort: Hier wird nicht einfach nur eine Familiengeschichte erzählt. Hier bröckelt etwas. Langsam. Unaufhaltsam.
Besonders spannend finde ich die Konstellation der Geschwister. Dieses typische Familiengefühl: Man kennt sich seit einem ganzen Leben, liebt sich irgendwie, nervt sich gleichzeitig zutiefst und trägt alte Rollen weiter mit sich herum. Netta als die Kontrollierende, Susan als Vermittlerin, Goose als eher stiller Beobachter, Iris als Zerbrechliche – das wirkt alles unglaublich lebendig und präzise beobachtet.
Und dann kommt Bella-Mae ins Spiel. Diese junge Frau, die plötzlich den alten Vater heiraten will und wie ein Schatten über die Familie fällt. Man merkt beim Lesen sofort diese Mischung aus Misstrauen, Faszination und Angst. Ist sie ehrlich? Nutzt sie ihn aus? Oder projizieren die Kinder einfach ihre eigenen Ängste auf sie? Genau dieses unterschwellige Unbehagen macht die Leseprobe so stark.
Was mich aber eigentlich am meisten neugierig gemacht hat: die emotionale Fallhöhe. Schon im Prolog wird klar, dass etwas Schreckliches passiert ist und dass dieser Sommer die Familie dauerhaft verändern wird. Trotzdem erzählen die Erinnerungen gleichzeitig von Nähe, Lachen und Geborgenheit. Dieser Widerspruch – gemeinsam traurig und glücklich zu sein – zieht sich sofort durch die Geschichte.
Genau deshalb möchte man weiterlesen. Nicht nur wegen des Geheimnisses um Bella-Mae. Sondern weil man verstehen will, wie diese Familie auseinanderbrechen konnte. Und weil Rachel Joyce Figuren schreibt, die sich nicht wie Romanfiguren anfühlen, sondern wie echte Menschen mit all ihren Verletzungen, Eitelkeiten, Sehnsüchten und blinden Flecken.
Für mich wirkt Sommerhaus wie ein Roman über Familie im tiefsten Sinne: darüber, wie sehr Menschen einander prägen, wie schwer es ist, alte Rollen zu verlassen – und wie fragil selbst enge Bindungen sein können.
Und gleichzeitig ist da diese große melancholische Sommerstimmung, die einen beim Lesen sofort einfängt. Genau diese Mischung macht den Roman so reizvoll.