Als ihr Vater stirbt, kehren vier Geschwister zurück in das Sommerhaus, wo alte Konflikte zutage treten

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s.edelfrau Avatar

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Das Erste, was mir an diesem Buch aufgefallen ist, ist das wunderschöne Cover, das an ein impressionistisches Gemälde erinnert. Und das passt auch hervorragend zur Geschichte, in der es ganz viel um Kunst bzw. Künstler geht:

Als der bekannte 76-jährige Künstler Vic Kemp seinen vier erwachsenen Kindern eröffnet, dass er heiraten möchte, ist das Erstaunen groß und wandelt sich zum Entsetzen, als die vier erfahren, dass es sich bei der Auserwählten um eine 27-Jährige handelt. Bella-Mae ist demnach sogar noch einige Jahre jünger als Iris, die jüngste der vier Kemp-Geschwister. Die vier Geschwister Netta, Susan, Goose und Iris sind ohne Mutter aufgewachsen und hatten von jeher ein enges Verhältnis. Sie alle lieben ihren Vater Vic abgöttisch und sehen über seine Extravaganzen meist großzügig hinweg.

Nun sind sie misstrauisch gegenüber Bella-Mae, zumal es nie zu einem Kennenlernen kommt. Plötzlich erhalten die vier Geschwister die Nachricht, dass Vic und Bella-Mae tatsächlich geheiratet haben – ganz im Stillen. Schon irgendwie verständlich, dass die vier da verletzt sind, sich ausgeschlossen fühlen und ihr Misstrauen gegenüber der jungen Braut immer weiter wächst, oder?

Doch dann erhält Susan einen Anruf von Bella-Mae: Vic ist tödlich verunglückt, beim Schwimmen im Orta-See in Italien, unweit des Sommerhauses, das der Familie seit Jahrzehnten gehört. Natürlich reisen alle vier Kinder sofort nach Italien, wo sie erstmals auf Bella-Mae treffen. Vor allem Netta, die Älteste, macht keinen Hehl aus ihren Vorbehalten und fordert eine Autopsie ihres Vaters.

Während sie alle auf das Ergebnis warten, leben sie gemeinsam im Sommerhaus. Bella-Mae ist so freundlich wie undurchsichtig und sie versteht es, mit wenigen Fragen oder Bemerkungen gezielt ihren Finger in die Wunden zu legen, die die vier Geschwister schon so lange mit sich herumtragen, aber zu ignorieren versuchen. Denn alle vier haben Probleme mit sich, mit ihren Geschwistern, mit ihrem Vater, mit Beziehungen allgemein. Je länger der ungewöhnlich heiße Sommer andauert, umso tiefer werden die Risse und umso mehr bröckeln die Fassaden, bis es schließlich zur großen Katastrophe kommt.

Bei der Lektüre dachte ich mir so manches Mal: Wie gut, dass ich keine Geschwister habe! Eigentlich habe ich es meine ganze Kindheit und Jugend über bedauert, ein Einzelkind zu sein, doch ich habe auch schon oft erlebt, zu welchen Zerwürfnissen es zwischen Geschwistern kommen kann, wenn es ums Erben oder um die Pflege der alt gewordenen Eltern geht. In dieser Geschichte liegen die Probleme der vier Geschwister jedoch etwas anders und das beim Lesen so ganz allmählich zu enthüllen, darin liegt der Reiz dieses Romans. Die Figur von Bella-Mae, die auch für mich als Leserin sehr lange völlig undurchschaubar blieb, sorgte für zusätzliche Spannung.

Ganz wunderbar eingefangen ist die Atmosphäre eines heißen Sommers an einem kleinen See in Italien: „Es war der Sommer der Flip-Flops. Sie trugen sie, egal wohin sie gingen. Auf dem Weg zur Bank, zur gelateria, zum Friseursalon und zur Espresso-Bar, aber auch zum Bestatter und zur Polizei. Vier Gummischlappen-Paare auf weißglühendem Stein. Schlapp schlapp, schlapp schlapp“ (Zitat) heißt es im Prolog, der aus Sicht des einzigen Sohnes Goose geschrieben ist. Im Laufe der Geschichte wechseln immer wieder die Perspektiven, was einen guten Einblick in das Seelenleben aller vier Geschwister ermöglicht, der komplette dritte und letzte Teil des Buches ist dann wieder aus Goose‘ Sicht geschrieben.

Im englischen Original heißt der Roman „A Homemade God“, ein hausgemachter Gott, was bereits viel über das Verhältnis der vier Geschwister zu ihrem Vater aussagt. Ich persönlich mag aber auch den deutschen Romantitel, denn dieses Sommerhaus ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, der Ort, an dem alle Fäden zusammenlaufen. Auch das Cover der Originalausgabe ist komplett anders, es verrät meiner Meinung nach schon fast zu viel über den Inhalt des Romans.

Ein spannender Familienroman, den man idealerweise im Sommerurlaub liest, egal ob an einem oberitalienischen See oder auf Balkonien.

Die Autorin Rachel Joyce wurde hierzulande mit ihrem Roman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ bekannt, dem seither viele weitere Romane folgten. „Sommerhaus“ war auf Anhieb ein Sunday-Times-Bestseller und ist für die Autorin laut eigenen Angaben ihr wohl wichtigstes und persönlichstes Buch.