Alte Wunden

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coni90 Avatar

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Kurz nachdem der 70-jährige Künstler Vic seinen vier erwachsenen Kindern Netta, Susan, Iris und Goose eröffnet hat, dass er die 27-jährige Bella-Mae heiraten wird, wird er tot im See der familieneigenen Villa am italienischen Lago d'Orta aufgefunden. Die vier Geschwister kehren daraufhin ins Sommerhaus ihrer Kindheit zurück, um herauszufinden, was geschehen ist. Dort treffen sie auf die Witwe Bella-Mae, die mysteriös und rätselhaft wirkt. Statt Fragen zu beantworten, wirft sie viele auf und nach und nach lösen sich die eingeschworenen Bande der Geschwister auf...

Wer hier einen klassischen Kriminalroman erwartet, sollte seine Erwartungen etwas anpassen. Zwar bleibt lange unklar, was mit Vic wirklich passiert ist, was dafür gesorgt hat, dass ich stets weiterlesen wollte. Im Mittelpunkt steht jedoch nicht die Aufklärung eines Verbrechens, sondern das feinfühlige Sezieren einer Familie, ihrer Geschichte und ihrer unausgesprochenen Konflikte.

Rachel Joyce erschafft eine melancholische, sommerliche Atmosphäre, die für mich hervorragend zur aktuellen Sommerzeit passte. Das Setting am italienischen Lago d'Orta ist wunderschön beschrieben und bildet einen spannenden Kontrast zu den Spannungen, die unter der Oberfläche der Familie brodeln. Nach und nach kommen Lebenslügen, Verletzungen und alte Konflikte ans Licht. Besonders eindrucksvoll zeigt der Roman, welchen Einfluss Vater Vic auch nach seinem Tod noch auf das Leben seiner Kinder ausübt. Mit seinem Tod bricht der Anker weg, der die Geschwister trotz aller Differenzen zusammengehalten hat.

Besonders gelungen fand ich die authentische Darstellung der Familiendynamik. Es geht um Abhängigkeiten, um das ständige Sehnen nach Anerkennung durch den Vater und darum, wie ein patriarchalisches Familienoberhaupt Beziehungen über Jahrzehnte prägen und zerbrechlich machen kann. Gleichzeitig stellt der Roman immer wieder subtile Fragen danach, wer wir eigentlich sind, wie sehr unsere Familie uns formt und welchen Erwartungen wir unser Leben lang gerecht werden wollen.

Der detaillierte und fast melodische Schreibstil hat mir sehr gefallen und passte hervorragend zur ruhigen, nachdenklichen Stimmung des Romans. Gleichzeitig gab es aber auch einige Längen. Zudem konnte ich manche Verhaltensweisen der Geschwister, insbesondere der Schwestern, nicht immer nachvollziehen. Auch ihr tiefgreifender Zerwürfnis und das aufkommende Drama wirkte auf mich stellenweise schwer greifbar. Ich weiß nicht, ob mir hier mehr Erklärungen für das Verhalten geholfen hätten oder ob ich selbst einfach anders reagieren würde. Besonders ans Herz gewachsen ist mir allerdings Goose. Er war für mich der sanftmütigste und zugleich berührendste Charakter, der im Verlauf der Geschichte die größte Entwicklung durchmachte.

Am Ende blieb bei mir eine Frage offen: Was genau wollte Rachel Joyce mir mit diesem Roman vermitteln? Geht es darum, dass Familienbande trotz allem bestehen? Dass wir Menschen oft zu sehr idealisieren? Oder darum, wie sehr unsere Herkunft bestimmt, wer wir werden? Einfache Antworten gibt es in diesem Roman nicht.

Auch wenn "Sommerhaus" etwas anders war, als ich erwartet hatte, hat mich die Geschichte mit ihrer dichten Atmosphäre, den vielschichtigen Figuren und den psychologischen Beobachtungen sehr gut unterhalten. Wer ruhige, tiefgründige Familiengeschichten mit einer geheimnisvollen Note mag und keine actionreiche Handlung erwartet, dürfte hier genau richtig sein.