Düsterer Weltenbau trifft auf altbekannte Schablonen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
roswitha-böhm-gedankenteiler Avatar

Von

Die Grundidee dieses Romans hat mich als kreativen Menschen natürlich sofort gepackt: Eine Welt, in der Kunst, Dichtung und Musik strengstens verboten sind, weil jedes Erschaffen von Fantasie als Lüge gilt und blutrünstige Schattenmonster anlockt. Dass die Mächtigen dieses Gesetz öffentlich predigen, sich aber im Untergrund in geheimen Clubs wie dem Sinners' Hole genau an diesen verbotenen Darbietungen berauschen, ist eine herrlich verlogene, scheinheilige Gesellschaftsordnung. Da schlägt mein Herz für die Geächteten sofort höher. Auch wie Inana ihre Geschichten präsentiert – mit einem aus Seide und Steinen genähten Herzen, das sie über Fäden und winzige Blasebälge auf der Bühne schlagen und in Fetzen reißen lässt –, ist handwerklich wunderbar bildhaft und atmosphärisch beschrieben. Diese Verknüpfung von Nadelarbeit, Textilkunst und dunkler Mythologie hat einen ganz eigenen, morbiden Charme.

Was mich beim Lesen allerdings massiv gestört hat, ist dieses fast schon ermüdende Abklappern klassischer Romantasy-Klischees, sobald die Handlung Fahrt aufnimmt. Da haben wir die sogenannten „Sündenlosen“, die im Grunde nichts anderes als hochglanzpolierte Glitzer-Vampire sind: unsterblich, blass, keine Schatten, mit Reißzähnen ausgestattet und abhängig vom Blut ihrer willenlosen Schoßtiere. Das wirkt leider wie schon hundertmal in anderen Jugendbüchern durchgekaut.

Richtig geärgert habe ich mich über den Auftritt des Schattenjägers am Ende. Warum muss in solchen Geschichten ein muskulöser, grimmiger Krieger mit gebrochener Nase und Dreitagebart auftauchen, um die Heldin vor dem zudringlichen Schurken zu retten – nur um sie dann im selben Atemzug mit einem herablassenden „Du gehörst jetzt mir“ sofort wieder zur wehrlosen Beute zu degradieren? Dass sie als gestandene Frau, die angeblich aus Todeszellen geflohen ist und das brutale Überleben gelernt hat, vor ihm sofort mit zitternden Knien dasteht und sich das Gefallen lassen muss, nimmt der Protagonistin unheimlich viel von ihrer eigentlichen Stärke. Dieser Macho-Kopfgeldjäger, der das Schwert auf dem Rücken trägt und ungefragt Besitzansprüche stellt, trieft mir einfach einen Tick zu sehr nach Reißbrett-Erotik.

Trotzdem muss man dem Buch lassen, dass es das Tempo hochhält und einen fiesen Cliffhanger setzt. Die Neugier, warum die Fürsten damals versucht haben, ihr buchstäblich das lebendige Herz herauszuschneiden, und was hinter dieser verqueren Sonnen- und Mondreligion steckt, ist definitiv da. Ich erwarte von der Reihe eine temporeiche, visuell starke Verfolgungsjagd durch eine faszinierend finstere Kulisse. Wenn die Autorin im weiteren Verlauf die kitschige Dominanz-Romantik etwas zurückschraubt und Inana wieder das Ruder über ihr eigenes Schicksal übernehmen lässt, könnte das ein richtig packender Schmöker für lange Abende sein.