Spannendes Konzept mit ein paar Schwächen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
lynn253 Avatar

Von

"Songs of the Void" beinhaltet ein spannendes Konzept und interessante Charaktere, auch wenn mich die erste Hälfte des Romans nicht ganz abholen konnte.
Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass Dinge mehr gesagt als gezeigt wurden. Beispielsweise wird die Protagonistin, Alize, als starke, kompetente und unabhängige Frau beschrieben. In der ersten Hälfte wirkte sie auf mich allerdings überwiegend überfordert und verängstigt. Das fand ich etwas schade. Ab etwa der Hälfte gab es dann deutlich mehr Szenen, in denen Alize selbstständig handelt, Probleme löst und ihr einzigartiges Talent einsetzt.
Auch wird immer wieder betont, dass Alize große Schwierigkeiten damit hat, Hilfe anzunehmen und anderen gegenüber Schwäche zu zeigen. Es gibt auch unzählige Szenen, die genau das zeigen - fast schon ein bisschen viel. Stattdessen hätte ich gerne mehr gesehen, warum sie so ist. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass sie in einer sehr konkurrenzstarken Branche arbeitet und aufgrund einer Höreinschränkung häufig unterschätzt oder nicht ernst genommen wird. Diese Erfahrungen werden allerdings größtenteils als ihre eigene Interpretation oder als Rückblick auf vergangene Ereignisse vermittelt. Ich hätte es spannender gefunden, einige dieser Erfahrungen tatsächlich in der Handlung zu erleben und dadurch besser zu verstehen, warum sie so stark darauf bedacht ist, keine Hilfe anzunehmen. An einer Stelle wird beispielsweise erwähnt, dass ein anderer Mitarbeiter kurz nach ihrem Einstieg ihr Vertrauen missbraucht hat. Entweder habe ich hier etwas überlesen, oder es wurde nicht wirklich aufgelöst, was genau passiert ist. An sich mochte ich Alize aber sehr gerne. Sie ist ein interessanter und sympathischer Charakter – ich hätte nur gerne etwas mehr von ihr gesehen, anstatt so häufig erzählt zu bekommen, wie sie ist.
Ähnlich ging es mir mit Leo. Alize fühlt sich zu ihm hingezogen, aber ich habe lange nicht wirklich verstanden, warum. Ihre Gefühle werden vor allem in ihren Gedanken festgestellt, während mir in der eigentlichen Handlung ein bisschen die Grundlage dafür gefehlt hat. Auch Alizes Vorwürfe, Leo sei ein Frauenschwarm und würde das ausnutzen, werden immer wieder thematisiert. Da dieses Verhalten für mich allerdings kaum tatsächlich gezeigt wurde, wirkten diese Gedanken irgendwann etwas redundant.
Leos Bruder Malos fand ich dagegen ausgesprochen spannend. Er war für mich einer der komplexeren und interessanteren Charaktere.

Ein großer Pluspunkt ist für mich das magische Konzept. Die Idee dahinter hat mir sehr gut gefallen, ebenso wie die Bedeutung, die Musik für Menschen haben kann. Dieses Thema wurde meiner Meinung nach besonders schön vermittelt. Gerade für Leser*innen, die Musik auf eine ähnliche Weise empfinden, könnte das ein sehr besonderer Aspekt der Geschichte sein.
Interessant fand ich außerdem, dass die magischen Elemente streckenweise eher im Hintergrund bleiben. Die Probleme und Geschehnisse des nicht-magischen Alltags verlieren dadurch - anders als bei den meisten anderen Fantasy-Geschichten, die ich bisher so gelesen habe, nie an Bedeutung. Diesen Ansatz fand ich spannend.

Auch der Sprachstil hat mir gut gefallen. Die Geschichte liest sich angenehm, die Szenen und Kapitel sind schön aufgebaut und die Schauplätze werden anschaulich beschrieben. Dadurch bin ich insgesamt gut durch den Roman gekommen.
Was mir dagegen noch etwas gefehlt hat, waren noch mehr Einblicke in die Hintergründe und Regeln des magischen Systems - aber ich denke, dass kommt im Folgeband.

Insgesamt ein interessanter Roman, vor allem für Fantasy- und Musikliebhaber. Gut gefallen hat mir vor allem die zweite Hälfte des Romans.