Eine Geschichte, die nachwirkt

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blubb2303 Avatar

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„Sonnenberg“ von Brigitte Glaser war für mich ein Buch, in das ich mich erst einfinden musste, das mich dann aber immer mehr gepackt hat. Es ist keine Geschichte, bei der ständig etwas passiert oder die von einer großen Wendung zur nächsten springt. Vielmehr geht es um Menschen, ihre Entscheidungen, ihre Beziehungen und um eine Zeit, in der sich gesellschaftlich unglaublich viel verändert hat.

Im Mittelpunkt steht Johanna, die Mitte der 70er-Jahre lebt und eigentlich ihren eigenen Weg gehen möchte. Sie studiert, lebt mit ihrer Freundin Luzie in einer WG und genießt die Freiheit, die ihr dieses Leben gibt. Doch dann stirbt ihr Vater und plötzlich muss sie zurück nach Hause und Verantwortung für den elterlichen Winzerbetrieb übernehmen. Dazu kommt ihre kleine Tochter Betty, die sie alleine großziehen möchte.

Gerade Johanna ist mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Sie ist keine perfekte Hauptfigur und genau das mochte ich. Sie zweifelt, macht Fehler, ist manchmal unsicher und muss trotzdem immer wieder Entscheidungen treffen. Gleichzeitig hat sie diesen starken Wunsch, selbst über ihr Leben bestimmen zu können. Und gerade vor dem Hintergrund der damaligen Zeit fand ich das wirklich beeindruckend.

Ich habe mich beim Lesen öfter gefragt, wie es wohl gewesen sein muss, als Frau in dieser Zeit seinen eigenen Weg gehen zu wollen und dabei ständig mit Erwartungen und Vorstellungen anderer konfrontiert zu sein. Vieles, was für uns heute selbstverständlich erscheint, war damals eben noch lange nicht selbstverständlich.

Sehr schön fand ich auch die Freundschaft zwischen Johanna und Luzie. Die beiden gehen zunächst unterschiedliche Wege und verlieren sich ein Stück weit aus den Augen. Trotzdem bleibt da diese besondere Verbindung. Ich mochte, dass ihre Freundschaft nicht kitschig oder perfekt dargestellt wird. Es gibt Enttäuschungen, unterschiedliche Lebensentwürfe und auch Distanz – aber eben auch dieses Gefühl, dass manche Menschen einem trotz allem wichtig bleiben.

Besonders interessant fand ich den historischen Hintergrund rund um den Widerstand gegen das geplante Kernkraftwerk bei Wyhl. Dadurch bekommt die Geschichte noch eine ganz andere Ebene. Aus vielen unterschiedlichen Menschen entsteht eine Gemeinschaft, die gemeinsam für ihre Heimat und ihre Überzeugungen kämpft. Dieser Zusammenhalt hat mir richtig gut gefallen.

Überhaupt hatte ich beim Lesen das Gefühl, immer tiefer in diese Zeit und in das Leben am Kaiserstuhl einzutauchen. Die Weinberge, der Hof, die Arbeit und die Menschen dort werden sehr lebendig beschrieben. Es ist eine eher ruhige Atmosphäre, aber gleichzeitig spürt man, dass sich im Hintergrund etwas verändert und eine ganze Generation beginnt, Dinge zu hinterfragen.

Natürlich gab es auch Stellen, die sich für mich etwas gezogen haben. Manchmal hätte ich mir ein bisschen mehr Tempo gewünscht. Aber irgendwann habe ich mich darauf eingelassen und verstanden, dass dieses ruhige Erzählen irgendwie zur Geschichte passt.

Was mir am Ende besonders geblieben ist, ist Johannas Mut. Nicht der große, spektakuläre Mut, sondern dieser alltägliche Mut, immer wieder für sich selbst einzustehen und Entscheidungen zu treffen, auch wenn man nicht weiß, ob sie richtig sind.

„Sonnenberg“ ist für mich deshalb vor allem eine Geschichte über Freiheit, Familie, Freundschaft, Zusammenhalt und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Aber auch eine Geschichte darüber, dass Veränderungen oft nicht von heute auf morgen passieren. Manchmal braucht es viele Menschen, die irgendwann sagen: So wie bisher möchte ich nicht mehr weitermachen.

Ich habe Johanna wirklich gerne begleitet und hatte nach dem Ende nicht das Gefühl, das Buch einfach wegzulegen und abzuhaken. Es gab einiges, worüber ich noch nachgedacht habe – vor allem darüber, wie sehr sich die Rolle der Frau und unsere Vorstellung von Freiheit verändert haben.

Mein Fazit: Ein ruhiger, emotionaler und gleichzeitig sehr interessanter Roman mit starken Frauenfiguren und einem schönen Stück Zeitgeschichte. Nicht perfekt und an manchen Stellen etwas langsam, aber gerade deshalb irgendwie authentisch.

Für mich ein Buch, das nicht mit lautem Knall endet, sondern eher leise nachwirkt.