Im Schatten von Wyhl - Eine beeindruckende Reise in die 1970er Jahre
MEINE MEINUNG
In ihrem beeindruckenden historischen Roman „Sonnenberg“ entführt uns Brigitte Glaser in den Kaiserstuhl Mitte der 1970er-Jahre, wo sich in den Monaten Januar bis April des Jahres 1975 der erbitterte Widerstand gegen den geplanten Bau des Kernkraftwerks bei Wyhl formierte.
Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der beiden jungen Frauen Johanna und Luzie, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher sein könnten. Die unverheiratete Johanna ist gerade Mutter geworden und versucht nach dem plötzlichen Tod des Vaters, gemeinsam mit ihrer Mutter und Großmutter das familiäre Weingut weiterzuführen, während die aus wohlhabenden Verhältnissen kommende Luzie nach einem längeren Rechercheaufenthalt in Marokko für ihr Geschichtsstudium in ihre Heimat zurückgekehrt ist.
Durch unterschiedliche Erlebnisse und Lebensentscheidungen haben sich die einst eng verbundenen Freundinnen voneinander entfremdet. Im gemeinsamen Kampf gegen das geplante Atomkraftwerk kommen sie sich allmählich wieder näher, doch unausgesprochene Enttäuschungen und Geheimnisse sorgen immer wieder für neue Spannungen.
Gekonnt verwebt die Autorin die fiktive Erzählung rund um die beiden Freundinnen, ihre Alltagssorgen und Hintergrundgeschichten mit den hervorragend recherchierten historischen Fakten und interessanten Details über die Protestbewegung gegen das Kernkraftwerk in Wyhl am Kaiserstuhl. Hautnah erleben wir an der Seite der beiden Protagonistinnen die Geschehnisse rund um Wyhl, die mit der Besetzung und Räumung des Geländes, politischen Widerstand gegen die Staatsmacht und Bau eines Widerstandslagers zu einem prägenden Ereignis für die entstehende Umweltbewegung wurden. Glaser versteht es hervorragend, die unterschiedlichen Beweggründe und diversen Meinungsverschiedenheiten der sehr heterogenen Bürgerbewegung aufzuzeigen, die sich damals dem Protest anschlossen. Ob nun engagierte Umweltschützer, Studenten, Feministinnen, politische Aktivisten oder konservative Winzer und Landwirte aus der Umgebung, die ihre Lebensgrundlage und die Zukunft ihrer Höfe akut bedroht sahen - sie alle fanden sich im gemeinsamen Protest zusammen und sorgten mit ihren Erfahrungen, Talenten, Kreativität, Mut und ihrer Hartnäckigkeit letztlich für den Erfolg ihrer gewaltfreien Widerstandsaktionen.
Schrittweise erhalten wir facettenreiche Einblicke in die damalige politische und sich wandelnde gesellschaftliche Stimmung Mitte der 1970ger Jahre.
Besonders gelungen ist, dass Glaser die gesellschaftlichen Strukturen nicht bloß erklärt, sondern im Alltag erlebbar gemacht hat. Frauenrechte, patriarchale Rollenbilder, Klassenunterschiede oder auch politische Spannungen zeigen sich nicht nur in Gesprächen, sondern werden auch bei den Abhängigkeiten und Entscheidungen der Figuren sichtbar. Anhand von eingeflochtenen Musiktiteln, politischen Schlagworten und die ausführlichen Schilderung des dörflichen Lebens lassen die 1970er-Jahre äußerst anschaulich vor dem inneren Auge lebendig werden. In eindrucksvollen Episoden vermittelt Glaser zudem die aufkommende Selbstermächtigung und das erwachende erwachende Demokratieverständnis auch eher politisch uninteressierter Bürger. Kein Wunder, dass die hochdynamischen Prozesse im Wyhler-Lager und die Akteure der Protestbewegung heimlich vom Staatsschutz argwöhnisch überwacht wurden.
Mit Johanna und Luzie hat die Autorin zwei vielschichtige Persönlichkeiten mit Stärken und Schwächen geschaffen. Ihre gegensätzlichen Lebenswelten machen die sozialen Unterschiede der Zeit besonders anschaulich: Auf der einen Seite steht Johanna, die hart auf dem Weingut arbeitet und als unverheiratete Mutter eines unehelichen Kindes mit dem gesellschaftlichen Makel leben muss. Auf der anderen Seite steht Luzie, die mit Studium, Reisen und familiärem Wohlstand der privilegierten Seite der Gesellschaft angehört und ihr Leben genießen kann. Zudem zeigt die Autorin eindringlich auf, wie abhängig Frauen damals von männlichen Entscheidungen waren.
Beeindruckend ist, wie Johanna trotz begrenzter Möglichkeiten um Anerkennung als eigenverantwortliche Winzerin kämpft, Verantwortung übernimmt und unbeirrt ihren eigenen Weg geht. Doch auch Luzie ist nicht frei, denn sie ist in die Erwartungen ihrer Familie verstrickt und trägt ein belastendes Geheimnis mit sich, das die Handlung über weite Strecken begleitet.
Obwohl die Konflikte der Protagonistinnen nachvollziehbar beschrieben sind, bleibt eine gewisse emotionale Distanz zu ihnen.
Weniger überzeugend fand ich die vielen Nebenstränge rund um Luzie. Die Rückblenden und die ständigen Andeutungen zu ihrem Geheimnis wirken stellenweise überladen und bremsen den Erzählfluss, sodass die anfangs aufgebaute Spannung deutlich an Wirkung einbüßt.
Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dass der Wyhl-Konflikt noch stärker im Zentrum steht, denn so muss dieser zeitweise hinter die privaten Geschichten zurücktreten. Gerade die Dynamik der Proteste und die konkreten Folgen für die Menschen vor Ort hätten mehr Raum verdient.
Etwas unvermittelt kam für mich das offene Ende, das Spielraum für die weitere Entwicklung der Figuren lässt und womöglich eine Fortsetzung mit den beiden Protagonistinnen andeutet.
FAZIT
Ein unterhaltsamer Roman über Freundschaft, Selbstbestimmung und den gesellschaftlichen Wandel der 1970er-Jahre und eine lesenswerte literarische Auseinandersetzung mit einem bedeutenden Kapitel deutscher Zeitgeschichte!
In ihrem beeindruckenden historischen Roman „Sonnenberg“ entführt uns Brigitte Glaser in den Kaiserstuhl Mitte der 1970er-Jahre, wo sich in den Monaten Januar bis April des Jahres 1975 der erbitterte Widerstand gegen den geplanten Bau des Kernkraftwerks bei Wyhl formierte.
Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der beiden jungen Frauen Johanna und Luzie, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher sein könnten. Die unverheiratete Johanna ist gerade Mutter geworden und versucht nach dem plötzlichen Tod des Vaters, gemeinsam mit ihrer Mutter und Großmutter das familiäre Weingut weiterzuführen, während die aus wohlhabenden Verhältnissen kommende Luzie nach einem längeren Rechercheaufenthalt in Marokko für ihr Geschichtsstudium in ihre Heimat zurückgekehrt ist.
Durch unterschiedliche Erlebnisse und Lebensentscheidungen haben sich die einst eng verbundenen Freundinnen voneinander entfremdet. Im gemeinsamen Kampf gegen das geplante Atomkraftwerk kommen sie sich allmählich wieder näher, doch unausgesprochene Enttäuschungen und Geheimnisse sorgen immer wieder für neue Spannungen.
Gekonnt verwebt die Autorin die fiktive Erzählung rund um die beiden Freundinnen, ihre Alltagssorgen und Hintergrundgeschichten mit den hervorragend recherchierten historischen Fakten und interessanten Details über die Protestbewegung gegen das Kernkraftwerk in Wyhl am Kaiserstuhl. Hautnah erleben wir an der Seite der beiden Protagonistinnen die Geschehnisse rund um Wyhl, die mit der Besetzung und Räumung des Geländes, politischen Widerstand gegen die Staatsmacht und Bau eines Widerstandslagers zu einem prägenden Ereignis für die entstehende Umweltbewegung wurden. Glaser versteht es hervorragend, die unterschiedlichen Beweggründe und diversen Meinungsverschiedenheiten der sehr heterogenen Bürgerbewegung aufzuzeigen, die sich damals dem Protest anschlossen. Ob nun engagierte Umweltschützer, Studenten, Feministinnen, politische Aktivisten oder konservative Winzer und Landwirte aus der Umgebung, die ihre Lebensgrundlage und die Zukunft ihrer Höfe akut bedroht sahen - sie alle fanden sich im gemeinsamen Protest zusammen und sorgten mit ihren Erfahrungen, Talenten, Kreativität, Mut und ihrer Hartnäckigkeit letztlich für den Erfolg ihrer gewaltfreien Widerstandsaktionen.
Schrittweise erhalten wir facettenreiche Einblicke in die damalige politische und sich wandelnde gesellschaftliche Stimmung Mitte der 1970ger Jahre.
Besonders gelungen ist, dass Glaser die gesellschaftlichen Strukturen nicht bloß erklärt, sondern im Alltag erlebbar gemacht hat. Frauenrechte, patriarchale Rollenbilder, Klassenunterschiede oder auch politische Spannungen zeigen sich nicht nur in Gesprächen, sondern werden auch bei den Abhängigkeiten und Entscheidungen der Figuren sichtbar. Anhand von eingeflochtenen Musiktiteln, politischen Schlagworten und die ausführlichen Schilderung des dörflichen Lebens lassen die 1970er-Jahre äußerst anschaulich vor dem inneren Auge lebendig werden. In eindrucksvollen Episoden vermittelt Glaser zudem die aufkommende Selbstermächtigung und das erwachende erwachende Demokratieverständnis auch eher politisch uninteressierter Bürger. Kein Wunder, dass die hochdynamischen Prozesse im Wyhler-Lager und die Akteure der Protestbewegung heimlich vom Staatsschutz argwöhnisch überwacht wurden.
Mit Johanna und Luzie hat die Autorin zwei vielschichtige Persönlichkeiten mit Stärken und Schwächen geschaffen. Ihre gegensätzlichen Lebenswelten machen die sozialen Unterschiede der Zeit besonders anschaulich: Auf der einen Seite steht Johanna, die hart auf dem Weingut arbeitet und als unverheiratete Mutter eines unehelichen Kindes mit dem gesellschaftlichen Makel leben muss. Auf der anderen Seite steht Luzie, die mit Studium, Reisen und familiärem Wohlstand der privilegierten Seite der Gesellschaft angehört und ihr Leben genießen kann. Zudem zeigt die Autorin eindringlich auf, wie abhängig Frauen damals von männlichen Entscheidungen waren.
Beeindruckend ist, wie Johanna trotz begrenzter Möglichkeiten um Anerkennung als eigenverantwortliche Winzerin kämpft, Verantwortung übernimmt und unbeirrt ihren eigenen Weg geht. Doch auch Luzie ist nicht frei, denn sie ist in die Erwartungen ihrer Familie verstrickt und trägt ein belastendes Geheimnis mit sich, das die Handlung über weite Strecken begleitet.
Obwohl die Konflikte der Protagonistinnen nachvollziehbar beschrieben sind, bleibt eine gewisse emotionale Distanz zu ihnen.
Weniger überzeugend fand ich die vielen Nebenstränge rund um Luzie. Die Rückblenden und die ständigen Andeutungen zu ihrem Geheimnis wirken stellenweise überladen und bremsen den Erzählfluss, sodass die anfangs aufgebaute Spannung deutlich an Wirkung einbüßt.
Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dass der Wyhl-Konflikt noch stärker im Zentrum steht, denn so muss dieser zeitweise hinter die privaten Geschichten zurücktreten. Gerade die Dynamik der Proteste und die konkreten Folgen für die Menschen vor Ort hätten mehr Raum verdient.
Etwas unvermittelt kam für mich das offene Ende, das Spielraum für die weitere Entwicklung der Figuren lässt und womöglich eine Fortsetzung mit den beiden Protagonistinnen andeutet.
FAZIT
Ein unterhaltsamer Roman über Freundschaft, Selbstbestimmung und den gesellschaftlichen Wandel der 1970er-Jahre und eine lesenswerte literarische Auseinandersetzung mit einem bedeutenden Kapitel deutscher Zeitgeschichte!