Politischer Aufbruch in den Siebzigerjahren: Ein packendes Zeitportrait (nicht nur) für Frauen

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Im Zentrum des Romans steht die Freundschaft zweier junger Frauen im Jahr 1975, die durch die zeitgeschichtlichen Umstände stark geprägt wird.
Auf mich wirkte der Alltag der beiden am Anfang überraschend modern, da sie ein scheinbar emanzipiertes Leben führen: Während die eine für ein Jahr zu Studienzwecken nach Marokko reist, übernimmt die andere den familiären Winzerbetrieb am Kaiserstuhl nach dem Tod ihres Vaters.

Doch Brigitte Glaser macht im Laufe des Romans schnell deutlich, wie trügerisch diese vermeintliche Freiheit ist, da Frauen in den Siebzigerjahren trotz theoretischer Gleichstellung gegen enorme gesellschaftliche Hürden und Vorurteile ankämpfen mussten.

Der Feminismus ist dabei nur eines von vielen Themen, an denen die Autorin ein tiefgreifendes gesellschaftliches Umdenken der Siebzigerjahre greifbar macht. Dies zeigt sich insbesondere im Protest gegen das Bauvorhaben des Kernkraftwerkes Wyhl. An diesem Widerstand wird deutlich, dass das blinde Vertrauen in die Politik verloren gegangen ist, die Menschen sind nun bereit, politische Mitbestimmung aktiv einzufordern. Diese Abkehr von einem Obrigkeitsdenken, das weit bis in die Nachkriegszeit hinein fortgedauert hatte, verläuft bei Einzelnen durchaus zögerlich und von Bedenken begleitet, wird aber letztendlich durch die Dynamik der Protestbewegung abgelöst.

Dabei hat die Autorin minutiös in Zeitungen und Archiven recherchiert und gibt in einem Nachwort Auskunft darüber, was erfunden und was historisch belegbar ist.

Der Klappentext wird meiner Meinung nach dem Roman nicht gerecht, wenn er die Leserschaft auf eine harmonische Freundschaftsgeschichte vorbereitet. Aber es geht eben auch um Loyalität und Verrat. Erst auf den letzten Seiten wird klar, ob die Verbindung zwischen den beiden Frauen gerettet werden kann.
Dabei sorgt besonders Luzie für Spannung, denn sie bringt Geheimnisse von ihrer Marokkoreise mit, über die sie erst nach und nach bereit ist zu reden. Sie ist zu Beginn des Romans keine fertige Persönlichkeit. Denn ihre Ängste und Widerstände sitzen tief und sie zeigt im Verlauf charakterliche Schwächen, gegen die sie innerlich sehr kämpfen muss, um letztendlich über sich hinauszuwachsen. Dadurch entsteht beim Lesen eine starke emotionale Bindung, weil man ihren inneren Reifeprozess hautnah miterlebt.

Mich hat allerdings etwas gestört, dass manche geheimnisvolle Andeutungen bezüglich der Spionagestrukturen während des Widerstandes in Wyhl am Ende des Romanes nicht aufgelöst werden.

Des Weiteren hat mich manchmal Glasers Erzählstruktur etwas herausgefordert. Sie vermischt bewusst verschiedene Zeitebenen, indem sie Rückblenden und Erinnerungen mit aktuellen Ereignissen verwebt. Dies erzeugt einerseits immense Spannung, kann aber an wenigen Stellen auch etwas verwirrend sein.

An wenigen Stellen fallen auch Wiederholungen in der Geschichte auf: Bestimmte Konflikte (wie das dörfliche Misstrauen oder Johannas innere Kämpfe) drehen sich zu oft im Kreis, was dem Erzähltempo mitunter die Kraft nimmt.

Dies ist allerdings Jammern auf hohem Niveau und wird mich dennoch nicht davon abhalten, die drei vorangegangenen historischen Romane Bühlerhöhe, Rheinblick und Kaiserstuhl von Brigitte Glaser zu lesen.

Das Cover finde ich sehr ansprechend. Aber ich befürchte, dass es eher nur Frauen abholt, obwohl der Inhalt des Romanes eigentlich auch eine männliche Leserschaft interessieren dürfte.

Mein Fazit: Wer Zeit– und Lokalkolorit liebt, Wert auf eine psychologisch vielschichtige Figurenzeichnung legt und gut recherchierte, historische Romane schätzt, der kann mit Sonnenberg nichts falsch machen. 4,5 Punkte von 5!