Außergewöhnlich!

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söphken Avatar

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Diese Leseprobe hat mich unmittelbar abgeholt, weil sie ein sehr spezifisches Gefühl einfängt, das man kennt, wenn man selbst auf dem Dorf groß geworden ist. Diese leise Enge, die nie offen benannt wird, aber überall präsent ist, in Blicken, im Schweigen, im unausgesprochenen Wissen übereinander. Die Rückkehr ins Süthland wirkt weniger wie ein Heimkommen als wie ein vorsichtiges Wiederbetreten eines Raums, in dem alte Rollen und Verletzungen sofort wieder spürbar werden. Das hat mich stark an meine eigene Herkunft erinnert.

Besonders eindrücklich fand ich die Darstellung der Beziehungen zwischen den drei Frauen. Sie sind geprägt von Nähe, Begehren und Vertrautheit, aber ebenso von Konkurrenz, Unsicherheit und Schuld. Nichts daran ist glatt oder eindeutig. Gerade das empfinde ich als feministisch, weil weibliche Beziehungen hier nicht idealisiert werden, sondern in ihrer Komplexität ernst genommen werden. Romy, Lotte und Sophie stehen für sehr unterschiedliche Lebensentwürfe, die gesellschaftlich unterschiedlich bewertet werden. Romys scheinbare Freiheit, Lottes Abbrüche und Sophies Anpassung an einen erwartbaren Weg werden still gegeneinander gespiegelt, ohne dass der Text darüber urteilt.

Auffällig ist auch, wie präsent die Körper sind. Schwitzen, Kälte, Nacktheit, Berührung und Erinnerung sind ständig miteinander verschränkt. Romys selbstverständlicher Umgang mit ihrem Körper wirkt wie ein Gegenentwurf zu der Kontrolle und Beobachtung, der Frauen gerade in dörflichen Räumen ausgesetzt sind. Gleichzeitig zeigt der Text, wie sehr diese Freiheit die Erzählerin verunsichert. Feminismus erscheint hier nicht als klare Haltung, sondern als innerer Konflikt, als etwas Unfertiges und Fragiles.
Sehr nachhallend ist für mich das Gefühl des Zurückbleibens, nicht nur räumlich, sondern emotional. Man glaubt, sich entfernt zu haben, ein eigenes Leben aufgebaut zu haben, und doch reichen ein Auto, eine Landstraße und bekannte Gesichter, um wieder in alte Muster zu fallen. Der Text macht deutlich, wie stark Herkunft prägt und wie schwer es ist, sich ihr wirklich zu entziehen, besonders als Frau.