Eine kluge Geschichte - Drei sind Eine zu viel!

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kerstin aus obernbeck Avatar

Von

Spielverderberin / Marie Menke

„Eigentlich ganz schön hier“, sagte ich.
„Bauerndorf“, sagte Romy.
„Aber von der Landschaft her ganz schön.“
„Ich kann die Landschaft nicht mehr sehen, ich sehe sie ja schon seit Jahren.“
„Ich mein ganzes Leben“, dachte ich im Stillen. (S.113)

Bei dem Bauerndorf handelt es sich um Aulbach, einer maximal ländlichen Gegend mit 17000 Einwohnenden. Sofie und Lotte sind dort geboren und aufgewachsen und von jeher besten Freundinnen. Im Sommer vor der 10. Klasse zieht Romy aus München mit ihren Eltern nach Aulbach. Selbstbewusst und mit einem Hauch Großstadtflair bringt sie die überschaubare Welt von Sophie und Lotte durcheinander.

„Stattdessen saßen Romy und Lotte in allen Kursen, die wir gemeinsam hatten, in der ersten Reihe. Ich weiter hinten.“ (S .33)

Sophies und Lottes Freundschaft gerät massiv in Schieflage, denn beide sind gleichermaßen um Romys Anerkennung und Zuneigung bemüht. Der Druck in der Schule, herausfordernde Abi-Klausuren und die Erwartungshaltung der Familien, einen guten Beruf zu ergreifen oder einen renommierten Studiengang zu belegen nehmen ebenso Einfluss auf die jungen Frauen wie Lügen, Eifersucht und der Wunsch, eine besondere Rolle in Romys Leben zu spielen.

Selten funktioniert eine derartige Konstellation wirklich gut – drei sind eine zu viel – und
so bahnt sich langsam und unweigerlich eine Katastrophe an.

„Es fühlte sich mit einem Mal an, als wohnten wir jetzt zu dritt in der WG, Lotte, ich und meine Lüge. (S.61)

Wie viele Geheimnisse, wie viele Lügen kann eine Freundschaft aushalten?

Tja, es ist wohl nie einfach, zu dritt befreundet zu sein, irgendjemand zieht dabei oftmals den Kürzeren und Marie Menke greift mit ihrer Geschichte ein altes Thema auf und erzählt es modern, in einer gut lesbaren Sprache und absolut mitreißend.
Die Geschichte von Sophie, Lotte und Marie findet auf zwei Zeitebenen statt, zum einen rund um das Abitur sowie ein paar Jahre später zu Studienzeiten.

Das Buch ist ein Pageturner, den ich regelrecht verschlungen habe. Ich musste wissen, wie es weitergeht, wollte erfahren, welches Geheimnis verborgen ist und ob die drei Frauen ihren Weg finden und gehen – gemeinsam oder jede für sich – und war bei der „Auflösung“ des Geheimnisses sehr überrascht, denn es war völlig anders als erwartet.

Was mir an dem Buch besonders gut gefällt ist, dass die Figuren nachvollziehbar beschrieben werden, ohne dabei jedoch ausdrücklich besondere Sympathien oder auch Antipathien für die Protagonistinnen zu vermitteln und ich finde, das ist ein besonderer Punkt dieser Geschichte.
Die Gedanken der jungen Frauen hinsichtlich ihrer Herkunft, die Gefühlsschwankungen zwischen „schön hier“ und „Bauernkaff“, der Wunsch uralte Begriffe wie Bömmsken, Schnuck und Klümpkes gegen modernes Wording wie Drops und Sweeties einzutauschen, der Wille auszubrechen und einen eigenen Weg zu gehen, werden überzeugend und auf besondere Weise beschrieben.

Ein kluges und wunderbares Buch, ein besonderer Roman, der mir gut gefallen hat.

Große Leseempfehlung!