Konnte mich nicht erreichen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
antie Avatar

Von

Warum liest man ein Buch? Weil es einen interessiert und man mit den Protagonisten in Resonanz geht. In diesem autofiktionalen Roman trifft bei mir als Leserin beides nicht zu.
Schon mit dem seltsamen Anfang der Wahrnehmungen im Mutterleib kann ich nichts anfangen, mich interessiert kein pubertärer Sex eines frühreifen Jugendlichen, keine Drogenexperimente und mir sagen konstruierte Gespräche über Politik nichts. Manches ist sicher selbst erlebt, manches gut erfunden, aber insgesamt bleiben die Schilderungen seltsam blutleer.
Dabei sind viele Stellen langatmig, zum Beispiel die Gespräche im Theater mit Personen, die mit Vornamen genannt werden, aber nicht unbedingt identifizierbar sind, wenn man nicht die Theaterwelt in der Zeit sehr genau kennt. Ebenso das Rebirthing-Erlebnis am Schluss und vor allem das Gespräch über die Sendung „Holocaust“, das sich an das gemeinsame Fernseherlebnis anschließt. Ein solches Gespräch bleibt gänzlich unglaubhaft, wenn man sich vor Augen führt, dass die Mutter des Autoren als Jüdin im Lager Gurs der Vernichtung nur mit Glück entkommen ist. Hier geht es Christian Berkel erkennbar nur darum, zu zeigen, welche Meinungen in der Bundesrepublik in den siebziger Jahren immer noch geäußert werden.
Dabei steht außer Frage, dass der Autor schreiben und seine Erlebnisse wortmächtig schildern kann. Das hat er ja bereits mit den beiden Vorgänger-Büchern bewiesen, die mir deutlich besser gefallen haben.