Zu wenig positiver Ausgleich

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majca_ Avatar

Von

>> Technisch gesehen,
hat Mom das Wort fett
als Adjektiv benutzt,
um meinen Körper zu beschreiben.
Doch so, wie sie es sagte,
klang es wie ein Nomen,
das mich als Menschen definiert <<

Eine deutliche Abweichung in meiner üblichen Lesepräferenz, aber das Cover hat mich mit seiner bezaubernde Art angesprochen und auch der Klappentext klang ansprechend.

Leider stellte sich schnell heraus, dass das gesamte Buch in Versform geschrieben ist.
Aus mir unerklärlichen Gründen, da es für mich nichts zur Geschichte beizutragen scheint. Persönlich ist das absolut nicht mein Fall, dennoch habe ich mein Bestes gegeben, darüber hinwegzusehen.

Noch schwerer tat ich mich jedoch mit der Geschichte selbst. Erwartet hatte ich eine Erzählung über ein Mädchen, das es schwer hat, traurig ist und kämpfen muss, ja, die aber im Kern ermutigend und warmherzig ist. Stattdessen empfand ich die Balance als ausgesprochen bedrückend. Ellie erlebt massives Mobbing, nicht nur in der Schule, sondern vor allem auch im eigenen Zuhause, und das nahezu durchgehend über den gesamten Text hinweg.

Ich selbst habe so meine Erfahrungen mit dem Thema machen müssen, was zum Glück viele, viele Jahre her ist. Aber ich kann mir nur vorstellen, wie triggerend es für viele Leser*innen sein könnte, gerade für jüngere, die zur eigentlichen Zielgruppe gehören.

Meiner Meinung nach fehlt ein ausreichender positiver Gegenpol zu dem Leid, das Ellie widerfährt. Es ist durchaus legitim, den Fokus darauf zu legen, wie eine Protagonistin innerlich wächst und lernt, mit einem toxischen Umfeld umzugehen. All zu oft ist es nur Realität, das die Menschen wegschauen und sich nichts ändert. Aber in dieser Geschichte steht es in keinem Verhältnis mit was die Verantwortlichen, die Mitschüler*innen, die Lehrerkräfte, der Bruder und die Mutter davon kommen. Und auch der Vater hat versagt, indem er sich nicht hat scheiden lassen, um seine Tochter vor der bösartigen Mutter zu schützen.

Hinzu kommt, dass die Protagonistin insgesamt sehr eindimensional bleibt. Abgesehen von ihrem Gewicht wird sie vor allem über ihr Talent fürs Gedichteschreiben definiert. Gerade vor dem Hintergrund, dass Ellie (und Mädchen wie sie) Schwierigkeiten haben, sich selbst als mehr zu sehen als ihren Körper, ist das enttäuschend. Zudem klingt ihre Stimme häufig deutlich älter als elf Jahre (wieviele 11-jährige sprechen zb. über Picassos Blaue Periode).

Ich hatte eine emotionale, mitfühlende und herzliche Geschichte über Selbstwert, Selbstbewusstsein und Liebe erwartet. Zwar ist das Buch darin konsequent, die Grausamkeit von Mobbing und Bodyshaming sichtbar zu machen, doch ein wirklicher Ausgleich fehlt. Gerade mit Blick auf die junge Zielgruppe stellt sich für mich die Frage, was betroffene oder besonders sensible Kinder aus dieser Lektüre mitnehmen sollen, außer im ungünstigsten Fall erneut belastet oder getriggert zu werden.