Eine der fesselndsten Protagonistinnen seit langem

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buchkathi Avatar

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Die Quarterlife crisis ist in aller Munde. Doch was darf man sich darunter genau vorstellen? Und alle jenseits der 30 stellen sich vermutlich auch noch die Frage, ob man das nun nachvollziehbar findet oder eher quatsch? Aus diesen Fragen und der blanken Neugier heraus, habe ich zu dem Roman Statt aus dem Fenster zu schauen von Anna Katharina Scheidemantel gegriffen.
Sophie steckt zwischen den Studiensemstern in einem Praktikum, als sie aus einer Laune heraus entscheidet, ein Haus zu kaufen. Es handelt sich dabei weder um die Geschichte einer besonders reichen jungen Frau noch um ein normales Einfamilienhaus in gutem Zustand. Nein, es geht vielmehr um eine halbe Ruine im fernen Ostdeutschland, mitten im Nirgendwo, die Sophie spontan gekauft hat und zu der sie nun aus München aufbricht. Das hört sich total verrückt an, oder? Ja, so ist es auch. Sogar so verrückt, dass Sophie auf den ersten Seiten komplett in einem Monolog abgetaucht ist, in der ihr bis auf den Verkäufer des Hauses kein Mensch begegnet. Wer nun unkt, dass es langweilig wird, könnte falscher nicht liegen. Noch nie habe ich mich sofort so sehr in jemanden hineinversetzt gefühlt, wie hier in Sophie. Sie nimmt uns mit bei ihren Selbstzweifeln, wenn sie sich selbst Mut zuspricht, wenn sie mit sich selbst in der angstmachenden Dunkelheit allein ist und wenn sie sich an der neuen schönen Natur erfreut. Sophie öffnet uns Herz und Seele, um uns die Quarterlife crisis näher zu bringen. Das hat mich berührt und unterhalten gleichermaßen.
Sie entwickelt sich unheimlich stark. Von der kindlichen Sophie am Anfang, die aus lauer Trotz mal eben ein Haus kauft, hin zu einer jungen Frau, die ihren Weg ins Leben findet. Und dabei hat mich ganz besonders überzeugt, dass es nur um Sophie geht. Sie findet zu sich selbst und zeigt ganz authentisch, wie sich alle jungen Menschen fragen, was sie denn in ihrem beruflichen Leben erreichen wollen. Gelungen ist der Autorin diese Selbstfindungsgeschichte auch deswegen so gut, weil es weder von großen Freundschaftsdramen noch von Liebesgeschichten verwässert wird. Neben diesem schweren Thema gibt es auch immer wieder lustige Szenen oder Momente, wo man lächelnd den Kopf schütteln muss, weil es absurd und witzig gleichzeitig ist. Und auch der Impuls fürs eigene Leben kommt nicht zu kurz, wenn man sich als Leser fragt, ob man denn selbst auf dem richtigen Weg ist. Und natürlich fragt man sich ebenso, ob man denn selbst ausreichend Zeit für die eigene wilde Seite hat, die sich nach Selbstverwirklichung strebt. Ich habe viel mitgenommen aus dieser Erzählung!
Es war ein Lesehighlight in diesem Jahr für mich, mit einer der überzeugendsten Protagonistinnen, die ich je kennenlernen durfte!