Im Hier und Jetzt zuhause

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"Statt aus dem Fenster zu schauen" ist nicht unbedingt die Art von Buch, die mich auf den ersten Blick anspricht. Und doch - diese stille, grüne Idylle auf dem Cover, gepaart mit dem Titel, hat mich neugierig gemacht. Und das zurecht.

Sophie kauft sich für 3000 Euro ein Haus in der abgelegenen ostdeutschen Provinz. Zu Beginn bleibt vieles offen: Was für eine Geschichte erwartet uns hier eigentlich? Ist es die Flucht aus einem alten Leben? Ein Neuanfang mit romantischen Versprechen - vielleicht sogar die grosse Liebe auf dem Land?

Doch nichts davon tritt ein. Und genau darin liegt die Kraft dieses Romans.

Auf knapp 350 Seiten entfaltet sich kein dramatischer Plot, sondern ein Alltag, den viele von uns sich insgeheim wünschen: ein Leben im Jetzt. Sophie ist einfach. Sie zweifelt, ja – manchmal blickt sie sorgenvoll in Richtung Zukunft. Aber meist ist sie einfach im Hier und Jetzt. Sie renoviert ihr Haus, sucht sich Arbeit, hält am Ende sogar Hühner. Schritt für Schritt richtet sie sich ein - nicht nur in ihr Grundstück, sondern auch in sich selbst.

Es ist ein stilles, beinahe unspektakuläres Glück, das sich hier entfaltet. Ungebunden, ruhig, klar. Und vielleicht gerade deshalb so kraftvoll. Sophie findet eine innere Ruhe, die vielen von uns fehlt - oder verloren gegangen ist.

Ich weiss nicht genau, was ich mir vom Ende erwartet habe. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Ob Sophie am Schluss eine klare Entscheidung trifft oder nicht, verliert an Bedeutung. Denn in "Statt aus dem Fenster zu schauen" geht es nicht um das Danach. Nicht um das, was gesellschaftlich als richtiger Weg gilt.

Es geht um das Hier und Jetzt. Darum, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.

Dieser Roman hat seine fünf Sterne mehr als verdient - und der feinfühlige, ruhige Schreibstil von Anna Katharina Scheidemantel trägt diesen Zauber durch jede einzelne Seite.