Nie war das Jetzt so viel wert: Humorvoller, wunderschöner Roman!
Statt aus dem Fenster zu schauen“ von Anna Katharina Scheidemantel ist mal wieder eine großartige Neuveröffentlichung des pola-Verlags.
Die Ich-Erzählerin Sophie, der alle immer eine tolle Zukunft und Karriere vorausgesagt haben, langweilt sich bei ihrem Praktikum. Sie möchte das „Höher-Schneller-Weiter“-Spiel nicht mehr mitmachen und kauft sich kurzerhand für einen Spottpreis ein altes, baufälliges Haus irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Ohne das Haus vorher gesehen zu haben, steigt sie in den Zug und flüchtet vor dem leistungsorientierten Alltag. Ihren Eltern erzählt sie es nicht, nur ihre Freunde Pauline und Moritz wissen davon.
„‘Sophie ist ein vernünftiges Kind‘, hat meine Mutter einmal gesagt. »‘Sie kann eine Situation gut selbst einschätzen.‘ Das hat sie zu unserer Nachbarin gesagt, als die ihre beiden Töchter für einen Intensiv-Karate-Selbstverteidigungskurs in den Sommerferien angemeldet hat. Meine Mutter war der Meinung, bei mir würden die üblichen Warnungen reichen: Steig nicht bei fremden Menschen ins Auto. Nimm keine Süßigkeiten an. Glaub niemandem, der sagt, er möchte dir bei sich zu Hause Hundewelpen zeigen.
Sie hat nicht erwähnt, dass ich keine Häuser in der deutschen Einöde kaufen soll. Aber wer hält sein Kind schon für so bescheuert?“
Sophie muss feststellen, dass die Renovierungsarbeiten schwieriger sind als sie dachte. Sie muss schwer arbeiten, um das Haus halbwegs bewohnbar zu machen; noch dazu fehlen ihr die finanziellen Mittel. Der Alltag ohne Strom und ohne Internet ist schwer; auch die ungewohnte Stille und Einsamkeit setzen ihr zu. Soll sie aufgeben und zurück in ihr altes Leben gehen?
„Es ist noch nicht zu spät, um alles zurückzuspulen oder wenigstens so zu tun, als wäre es nie passiert. Ich kann mich mit einem Familiennotfall bei der Arbeit entschuldigen und spätestens Dienstagmorgen wieder im Büro erscheinen. Heinz hat meine tausend Euro, ich werde ihm den Kaufvertrag dalassen, dann kann er ihn vernichten und sich über mein Erspartes freuen. Was für eine dumme, dumme Idee. Was für ein dummes, dummes Kind ich bin. Einser-Abi und trotzdem völlig entscheidungsunfähig. Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist Schadensbegrenzung, mein altes, richtiges Leben kitten, bis nur noch ich weiß, dass da mal ein Riss in der Fassade war, ganze vier Tage lang.“
Doch Sophie bleibt. Sie will herausfinden, was für ein Mensch sie ist, wenn sie keinen fremden Erwartungen entsprechen muss, wenn sie frei und sie selbst sein darf.
„Nach all den Tagen, die ich jetzt schon allein in meinem Haus gelebt habe, bin ich doch nicht unabhängig von der Bestätigung durch andere. Kaum ist ein anderer Mensch anwesend, brauche ich sie wieder. Dabei ist es unsinnig, einen Moment oder eine Entscheidung oder auch ein Leben nur als wertig zu betrachten, weil ein anderer das so sieht. Und in den letzten Wochen habe ich ja fast nur Dinge getan, die andere als unsinnig bezeichnen würden. Ich habe sie trotzdem getan, und es hat sich gut angefühlt.“
Sophie ist eine großartige Protagonistin, ich konnte so richtig gut mit ihr fühlen und fand sie unfassbar sympathisch (und klug).
„Das Gefühl, unter einem Apfelbaum zu liegen, die Augen halb geöffnet, über mir zwitschernde Vögel, das kommt meiner persönlichen Vorstellung von Himmel schon ziemlich nahe.
Genauso herrlich ist das Gefühl, nach getaner Arbeit in das Haus zurückzukommen, von einer willkommenen Kühle empfangen zu werden, von dieser dichten Stille, die es nur in dick gemauerten Häusern zur Mittagszeit gibt. Ich kann fast körperlich spüren, wie alles langsamer wird und der ständige Strom an »Ich müsste noch …« verebbt. Es ist, als hätte es diesen Rhythmus in diesem Haus schon immer gegeben, als wäre das der Puls des Landes, dem man sich als Bewohnerin beugen muss. Wir sind alle eigentlich nur Gäste der Jahreszeiten. In der Stadt merkt man das nur nicht so, dort sperren wir sie mit Rollos und Zentralheizungen aus. Aber hier … hier pocht dieser Puls noch. Und ich kann nicht dagegen anarbeiten. Alles, was ich tun kann, ist, mich seinem Fluss zu beugen [...] und die Stille zu genießen. Und das tue ich.“
Der Schreibstil von Anna Katharina Scheidemantel ist wunderschön, sie schafft es, den Roman gleichermaßen humorvoll (was habe ich gelacht!) und unterhaltsam zu gestalten, aber es gibt einem auch viel zum Nachdenken über unsere Leistungsgesellschaft und das „Hamsterrad“ des Lebens.
Ein wirklich großartiger Debütroman, für den ich 5 Sterne vergebe und die Hoffnung habe, bald noch mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen!
Vielen Dank an den pola Verlag, Vorablesen.de und NetGalley für die Rezensionsexemplare! 📚💚
Die Ich-Erzählerin Sophie, der alle immer eine tolle Zukunft und Karriere vorausgesagt haben, langweilt sich bei ihrem Praktikum. Sie möchte das „Höher-Schneller-Weiter“-Spiel nicht mehr mitmachen und kauft sich kurzerhand für einen Spottpreis ein altes, baufälliges Haus irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Ohne das Haus vorher gesehen zu haben, steigt sie in den Zug und flüchtet vor dem leistungsorientierten Alltag. Ihren Eltern erzählt sie es nicht, nur ihre Freunde Pauline und Moritz wissen davon.
„‘Sophie ist ein vernünftiges Kind‘, hat meine Mutter einmal gesagt. »‘Sie kann eine Situation gut selbst einschätzen.‘ Das hat sie zu unserer Nachbarin gesagt, als die ihre beiden Töchter für einen Intensiv-Karate-Selbstverteidigungskurs in den Sommerferien angemeldet hat. Meine Mutter war der Meinung, bei mir würden die üblichen Warnungen reichen: Steig nicht bei fremden Menschen ins Auto. Nimm keine Süßigkeiten an. Glaub niemandem, der sagt, er möchte dir bei sich zu Hause Hundewelpen zeigen.
Sie hat nicht erwähnt, dass ich keine Häuser in der deutschen Einöde kaufen soll. Aber wer hält sein Kind schon für so bescheuert?“
Sophie muss feststellen, dass die Renovierungsarbeiten schwieriger sind als sie dachte. Sie muss schwer arbeiten, um das Haus halbwegs bewohnbar zu machen; noch dazu fehlen ihr die finanziellen Mittel. Der Alltag ohne Strom und ohne Internet ist schwer; auch die ungewohnte Stille und Einsamkeit setzen ihr zu. Soll sie aufgeben und zurück in ihr altes Leben gehen?
„Es ist noch nicht zu spät, um alles zurückzuspulen oder wenigstens so zu tun, als wäre es nie passiert. Ich kann mich mit einem Familiennotfall bei der Arbeit entschuldigen und spätestens Dienstagmorgen wieder im Büro erscheinen. Heinz hat meine tausend Euro, ich werde ihm den Kaufvertrag dalassen, dann kann er ihn vernichten und sich über mein Erspartes freuen. Was für eine dumme, dumme Idee. Was für ein dummes, dummes Kind ich bin. Einser-Abi und trotzdem völlig entscheidungsunfähig. Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist Schadensbegrenzung, mein altes, richtiges Leben kitten, bis nur noch ich weiß, dass da mal ein Riss in der Fassade war, ganze vier Tage lang.“
Doch Sophie bleibt. Sie will herausfinden, was für ein Mensch sie ist, wenn sie keinen fremden Erwartungen entsprechen muss, wenn sie frei und sie selbst sein darf.
„Nach all den Tagen, die ich jetzt schon allein in meinem Haus gelebt habe, bin ich doch nicht unabhängig von der Bestätigung durch andere. Kaum ist ein anderer Mensch anwesend, brauche ich sie wieder. Dabei ist es unsinnig, einen Moment oder eine Entscheidung oder auch ein Leben nur als wertig zu betrachten, weil ein anderer das so sieht. Und in den letzten Wochen habe ich ja fast nur Dinge getan, die andere als unsinnig bezeichnen würden. Ich habe sie trotzdem getan, und es hat sich gut angefühlt.“
Sophie ist eine großartige Protagonistin, ich konnte so richtig gut mit ihr fühlen und fand sie unfassbar sympathisch (und klug).
„Das Gefühl, unter einem Apfelbaum zu liegen, die Augen halb geöffnet, über mir zwitschernde Vögel, das kommt meiner persönlichen Vorstellung von Himmel schon ziemlich nahe.
Genauso herrlich ist das Gefühl, nach getaner Arbeit in das Haus zurückzukommen, von einer willkommenen Kühle empfangen zu werden, von dieser dichten Stille, die es nur in dick gemauerten Häusern zur Mittagszeit gibt. Ich kann fast körperlich spüren, wie alles langsamer wird und der ständige Strom an »Ich müsste noch …« verebbt. Es ist, als hätte es diesen Rhythmus in diesem Haus schon immer gegeben, als wäre das der Puls des Landes, dem man sich als Bewohnerin beugen muss. Wir sind alle eigentlich nur Gäste der Jahreszeiten. In der Stadt merkt man das nur nicht so, dort sperren wir sie mit Rollos und Zentralheizungen aus. Aber hier … hier pocht dieser Puls noch. Und ich kann nicht dagegen anarbeiten. Alles, was ich tun kann, ist, mich seinem Fluss zu beugen [...] und die Stille zu genießen. Und das tue ich.“
Der Schreibstil von Anna Katharina Scheidemantel ist wunderschön, sie schafft es, den Roman gleichermaßen humorvoll (was habe ich gelacht!) und unterhaltsam zu gestalten, aber es gibt einem auch viel zum Nachdenken über unsere Leistungsgesellschaft und das „Hamsterrad“ des Lebens.
Ein wirklich großartiger Debütroman, für den ich 5 Sterne vergebe und die Hoffnung habe, bald noch mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen!
Vielen Dank an den pola Verlag, Vorablesen.de und NetGalley für die Rezensionsexemplare! 📚💚