Selbstfindung zwischen Weite und Leere

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throughmistymarches Avatar

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Cover und Klappentext haben mich sofort angesprochen, denn die Grundidee, aus dem Alltag auszubrechen und sich der Frage „Was will ich eigentlich?“ zu stellen, ist nicht neu, aber immer aktuell. Das Spannungsfeld aus scheinbar unendlichen Möglichkeiten und der Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, bildet einen starken Ausgangspunkt.

Dementsprechend beginnt der Roman aussichtsreich, verliert sich aber im weiteren Verlauf. Besonders präsent ist die äußere Entwicklung: Sophies Arbeit am Haus und Grundstück wird ausführlich geschildert. Allerdings wirken viele Prozesse nicht immer überzeugend, denn Renovierungsarbeiten und Gemüseanbau gelingen weitgehend ohne Vorkenntnisse. Nur bei der Hühnerhaltung zeigt sich kurz die harte Realität.

Was hingegen weitgehend ausbleibt, ist die innere Entwicklung der Protagonistin. Sophie bleibt über weite Strecken blass und schwer greifbar. Gerade weil der Roman stark auf persönliche Suche und Selbstfindung abzielt, hätte ich mir hier mehr Tiefe gewünscht. Ansätze dafür sind vorhanden: In einzelnen Szenen zeigt sich das Potenzial, etwa bei der Begegnung mit einem freundlichen Handwerker, dessen rechte Gesinnung Sophie später an einem Tattoo erkennt. Die daraus entstehende kurze Sinnkrise innerhalb der großen Sinnkrise ist spürbar; davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Dem gegenüber stehen weniger gelungene Handlungselement und auch einige inhaltliche Ungereimtheiten. So muss sich Sophie überhaupt nicht mit dem bürokratischen Aufwand eines Hauskaufs auseinandersetzen. Hinzu kommt die widersprüchliche Beziehung zu ihren Eltern: Sie unterstützen sie finanziell, scheinen aber sonst kaum eine Rolle zu spielen und bemerken monatelang nichts von ihrem Leben. Das wirkt weniger wie eine bewusste Entscheidung, sondern mehr wie eine erzählerische Schwäche.

Positiv hervorzuheben ist die atmosphärische Qualität des Romans. Die ruhige, ländliche Umgebung und die Schauplätze schaffen trotz der Schwächen eine angenehme Stimmung.

Insgesamt muss ich aber sagen, dass der Roman einen Teil seines Potentials unerfüllt lässt, denn er kratzt zwar an den großen Fragen, an den großen Themen, allerdings ohne sie zu vertiefen.