Umweg zum Ich

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leukam Avatar

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Hauptfigur im Debutroman der jungen Autorin Anna Katharina Scheidemantel ist die 25jährige Studentin Sophie. Frustriert und gelangweilt von ihrem eintönigen Praktikum, schaut sie sich im Internet auf der Seite „Kleinanzeigen“ um. Ein Klick nur und sie hat für den Schnäppchenpreis von 3100 Euro ein Haus gekauft. Na ja, es handelt sich dabei wohl mehr um eine Bruchbude, noch dazu in der ostdeutschen Provinz. Und obwohl sie das selbst für eine völlig verrückte Idee hält, gibt sie ihr Zimmer in einer Münchner WG auf und reist mit ein paar Habseligkeiten per Zug in ein Nest zwischen Berlin und Rostock gelegen.
Das Haus ist völlig heruntergekommen, Heizung und Strom funktionieren nicht und im hinteren Bereich fehlt das Dach, stattdessen liegt dort ein Baumstamm.
Aber Sophie lässt sich davon nicht entmutigen. Sie kämpft mit dem Dreck und den Spinnweben, rückt der braunen Wand mit weißer Farbe zu Leibe und dem festen Gartenboden mit dem Spaten.
Schlimm ist nicht der tägliche Kraftakt mit Putzen, Streichen, Abschleifen usw., schlimm ist auch nicht der schmerzende Körper am Abend, nein, schlimm sind die Gedanken, die sie nachts bedrängen. Fragen über Fragen. Warum hat sie das getan? Ist es noch normal, fast die gesamten Ersparnisse für eine Ruine auszugeben; ohne jegliche Erfahrung, ohne Hilfe von außen, ein marodes Haus renovieren zu wollen ? Was macht sie hier in dieser Einöde?
Antworten auf diese Fragen weiß sie zunächst nicht. Sie weiß nur, dass ihr früheres Leben nicht das richtige war.
Dabei war sie lange auf der Überholspur. „Wenn Sophie etwas macht, dann macht sie es gleich richtig.“ Das war die Meinung aller um sie herum und es bezog sich auf die Geigenstunden, das Einser-Abitur, das Studium inklusive Auslandssemester, das Praktikum. „Die Sophie, aus der wird was. Was, das war eigentlich egal. Hauptsache, es war was.“
Alle waren überzeugt, dass sie es einmal weit bringen wird. Doch was will sie eigentlich selbst?
Überlegt Sophie anfangs noch jeden Tag, ob sie nicht ganz schnell zurückkehren, diese schwachsinnige Idee aufgeben soll, so fühlt sie sich mit der Zeit immer lebendiger. Es tut gut, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen, das Ergebnis abends mit Stolz zu betrachten. Natürlich bleiben Misserfolge nicht aus. Aber ist nicht das ganze Leben Learning-by-doing?
Die ersten Wochen ist Sophie völlig allein, die einzigen Gesprächspartner sind die Verkäufer im Baumarkt und die Bedienung im „Kuchenhimmel“, wo sie regelmäßig einen Milchkaffee trinkt und ihr Handy auflädt. Ihre Eltern, ihre Freunde wissen nichts von ihrem neuen Aufenthaltsort, von ihrem Projekt.

Ich muss zugeben, dass ich den Roman anfangs unterschätzt habe. Liest er sich zunächst als witziger Selbstfindungstrip einer Mitzwanzigerin, so gewinnt die Geschichte zusehends an Tiefe.
Sophie lernt in diesen paar Monaten, sich zu lösen von den Erwartungen von außen. Auf sich selbst zurückgeworfen entwickelt sie ein neues Selbstbewusstsein, gestärkt durch die Erfahrungen, die sie gemacht hat. Wie ihr zukünftiger Lebensweg aussehen soll, möchte sie selbst entscheiden, nicht einfach dem vorgegebenen Weg folgen. „Nur, weil die Straße geradeaus führt, heißt das nicht, dass ich nicht einen Umweg über einen Feldweg nehmen kann, einfach nur, weil ich es will.“
Der Roman weckt auch Verständnis für die Nöte und Schwierigkeiten junger Menschen von heute. Sie erben Privilegien, werden aufgefangen von einem Netz aus Sicherheiten, aber das verpflichtet sie auch dazu, ihren Beitrag in dieser Welt leisten zu müssen. „Aber wie soll man denn Neues schaffen und etwas aufbauen in einer Welt, in der es eigentlich schon zu viel von allem gibt?“
Sophie lernt auch einiges über sich und die Welt, weil sie sich auf einmal außerhalb ihrer Blase bewegt. Die Menschen, die sie in dieser Gegend kennenlernt, sind so ganz anders als ihre Freunde von früher, ihre Studienkollegen.
Allein wegen all dieser Erfahrungen, die Sophie durch ihre verrückte Idee machen durfte, hat sich ihr „Umweg“ gelohnt.
Anna Katharina Scheidemantel hat hier ein erfrischendes Debut vorgelegt, voller Leichtigkeit, Humor und Sprachwitz, voller kluger Gedanken. Auch wenn äußerlich wenig passiert, so macht die Protagonistin doch eine entscheidende Entwicklung durch.
Man darf gespannt sein auf weitere Bücher der Autorin.