Wohlfühlbuch

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bisschengelesen Avatar

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„Ich frage mich, ob diese Spuren bleiben, wenn ich gehe. […] Oder werde ich es vergessen, wird es verblassen zu einer Anekdote, die mir irgendwann nur noch alle paar Jahre einfallen wird? Wisst ihr noch, als ich mal so dumm war, ein altes Haus auf dem Land zu kaufen?“
 
Durch eine Kurzschlussreaktion kauft Sophie für 3000€ ein verfallenes Haus in der nordostdeutschen Einöde. Von heute auf morgen lässt sie alles hinter sich: ihr Praktikum, ihre WG in München, stabilen Zugang zu Strom. Als sie ohne Wissen, Hilfe oder weitere Ersparnisse vor ihrer Immobilie steht, ist sie heillos überfordert. Mit der Zeit gewöhnt sich jedoch irgendwas in ihr langsam an ihr Zuhause. Wobei: Was heißt das eigentlich, sich zuhause zu fühlen?
 
Völlig ohne Erwartungen, dafür mit großem Crush auf das Cover und Interesse am Klappentext bin ich die Geschichte eingestiegen. Dadurch, dass die Protagonistin Sophie die meiste Zeit allein verbringt, ist auch der Text sehr nach innen gekehrt und lebt von einer Ruhe, von der Sophie selbst nur träumen kann. Ihre aufgewühlte Innenwelt, die der impulsgetriebene Umzug mit sich trägt, die Angst, es ihren Eltern zu erzählen und ihre Einsamkeit stehen in starkem Kontrast zu der sehr leisen Art, wie all das erzählt wird. Dadurch hat sich der Roman für mich zu einer Wohlfühllektüre entwickelt, die ich richtig gern gelesen habe.
 
Die Beschreibungen der Orte, der Natur und der Menschen gelingen Anna Katharina Scheidemantel so gut, dass man als Leser:in alles direkt vor Augen hat und beinahe selbst Teil der Welt werden möchte. Kurzzeitig habe ich mich selbst schon die Dielen meiner neuesten erworbenen abrissreifen Ruine abschleifen sehen (vielleicht brauche ich einfach mal Urlaub). Und das, obwohl Sophies Hausrenovierung gar nicht als kathartisches Schlüsselerlebnis dargestellt wird, das sie schließlich ins AD Magazin bringt, sondern mit all ihren Rückschlägen realistisch erzählt wird. Natürlich werden Dinge hier und da romantisiert – bspw. dass ein eingebrochenes Dach den Blick in den Sternenhimmel ermöglicht –, was aber angesichts von Sophies daily struggles auch einfach nur logisch ist. Manche Dinge muss man sich eben schönreden um nicht durchzudrehen.
 
„Statt aus dem Fenster zu schauen“ spendet Wärme von innen, zieht einen mitten ins Geschehen und das ohne, dass wirklich viel passiert. Aber das muss es auch nicht. Wer einen comfy read sucht, ist hier genau richtig. 🌸