Jane Austen total verhext!

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Stolz und Vorurteil – das vermutlich beliebteste Buch von Jane Austen als Fantasygeschichte zu adaptieren, erscheint auf den ersten Blick überraschend. Aber es ist wahrscheinlich auch die beste Variante, einen Perspektivwechsel zu riskieren und von der allseits geliebten, überaus klugen Elisabeth Bennet den Scheinwerfer auf ihre bisher als naiv und einfältig wahrgenommenen Schwestern Lydia und Kitty zu schwenken. Und natürlich auf Wickham, den attraktiven Bad Boy, der als Gegenspieler Darcys bisher unterlegen war – eine großartige Idee.

Großartige Ideen gibt es wirklich viele in STOLZ UND VORURTEIL & HEXEREI – DIE SKANDALÖSEN GEHEIMNISSE DER LYDIA BENNET. Autorin Melinda Taub hat ein wahres Feuerwerk an magischen Ritualen und kapriziösen Verirrungen entfacht und hält sich dabei weitgehend an die chronologischen Ereignisse des Originals.

Die Geschichte wird von Lydia erzählt, und zwar in einer Art Tagebuchformat, das zwischen zwei Zeitsträngen wechselt. Es gibt die Gegenwart, die nach Lydias Hochzeit mit Wickham spielt und in der sich Lydias Ruf bei Mr. Darcy durch die Ereignisse, die aus ihrer Bekanntschaft mit seiner Schwester Georgiana entstehen, zum Positiven verändert hat (obwohl genau genommen Lydia die Schuld an Georgianas Fluch trägt, den sie zu brechen versucht – wenn auch nicht direkt). Außerdem erzählt Lydia rückblickend ihre Geschichte als Hexe und wie sie aufgrund zahlreicher zauberischer Aktivitäten zu eben diesem Punkt in der Gegenwart gekommen ist.

Anfangs ist es etwas mühsam, sich zwischen den Zeitebenen zurechtzufinden, da sie fließend ineinandergreifen und nicht gekennzeichnet sind, aber daran gewöhnt man sich. Lydia erzählt in der Ich-Form, so, als würde sie jemandem sehr ausführlich schreiben. Daher sind Gefühle und Empfindungen zwar beschrieben, wirken aber etwas distanziert. Das mag ungewöhnlich erscheinen, passte für mich aber ausgesprochen gut zur Welt von Jane Austen, die man als Leser:in des Originals zwangsläufig im Hinterkopf hat. Auch Lydias Stimme fand ich gut getroffen. Ihre ungezwungene, plappernde und unerschrockene Art machte sie mir direkt sympathisch und passte hervorragend zum gesellschaftlichen Hintergrund.

Die Geschichte selbst ist eine witzige Mischung aus Gesellschaftsroman und Hexenfantasy, der romantische Anteil ist Austen-like eher zurückhaltend. Besonders gut gefallen hat mir, wie die Autorin geschickt die Originalgeschichte so beleuchtet hat, dass hexische Aktivitäten völlig plausibel für die ein oder andere Entwicklung erscheinen. Das mochte ich sehr.

Teilweise wurden es allerdings zu viele Nebenhandlungen und Figuren, weshalb manches zwangsläufig oberflächlich blieb und an wesentlichen Stellen deutlich Potenzial verschenkt wurde. Das Magiesystem mit den Hexenzirkeln, den Großlords und den alten elementaren Mächten wie der See war nicht ganz ausgefeilt und wirkte inkonsistent. So existierte die Hexenkönigin scheinbar ohne besonderen Grund, während in anderen Bereichen einfache Hexen einen Zirkel anführten. Die Rollen der alten Mächte schienen ebenfalls willkürlich, und auch das Wirken von Magie schien manchmal an strenge Regeln gebunden. Für einen Zauber musste beispielsweise ein persönliches Opfer gebracht werden, während es bei anderen ausreichte, ein Tier zu opfern. Oder, noch schlimmer, Menschen zu paralysieren und ihnen Schnitte zuzufügen, um ihr Blut zu nutzen. Das war irgendwie unsauber und trübte mein Leseerlebnis.

Gleichzeitig gab es parallele Handlungen, die etwas ausschweifend wirkten, obwohl sie wenig zum Verlauf der Geschichte beitrugen. Manchmal leisteten sie ihren Beitrag, indem sie Atmosphäre und ein genaueres Bild von Lydias Leben oder ihren Bekanntschaften zeichneten. Manchmal leider nicht. Wieder andere Nebenhandlungen hätte ich gerne intensiver bearbeitet gewusst, wie zum Beispiel Maria Lambes Geschichte und deren Rechtsstreit mit Mary Kings Familie. Auch über Wickham hätte ich gern mehr erfahren: Was für eine Art Dämon ist er? Wie hat sein Vater ihn in Wickhams Körper geschickt?

Insgesamt ist das wohl die Schwachstelle des Buches: Es gibt viele Nebenhandlungen, die nicht alle befriedigend ausgearbeitet werden konnten und mitunter den roten Faden etwas vermissen ließen. Vielleicht liegt dahinter aber auch die geplante Absicht, das Buch in einem weiteren Band fortzusetzen. Aber ob Fortsetzung oder nicht – mein Gesamteindruck ist positiv. Ich habe das Buch gern gelesen und mich amüsiert, mehr aber auch nicht.

Erwähnenswert ist außerdem die Ausstattung des Buches: Der Einband ist bedruckt und mit einem umlaufenden Farbschnitt mit schönen ornamentalen Details versehen. Optisch wurde reduziert mit Mitternachtsblau und Gold gearbeitet, vom Stil her im modernen Regency-Look, dazu gibt es ein Lesebändchen. Das alles hat mir sehr gut gefallen – das Buch hebt sich auf jeden Fall auf dem Fantasy-Büchertisch ab.