Mord und Vorurteile

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
odile Avatar

Von

Im kleinen Misdroy, einem beliebten Touristenort an der polnischen Ostsee wird ein toter Deutscher am Strand gefunden. Anscheinend ertrunken. Joachim Hundt hat zusammen mit seiner Frau und drei befreundeten Paaren in der Nähe Urlaub gemacht. Da einer aus der Clique im deutschen Innenministerium arbeitet, wird Lena Schuldt, Kriminaloberkommissarin vom BKA, nach Misdroy geschickt. Sie soll abklären, ob es sich tatsächlich nur um einen Unfalltod ohne Fremdeinwirkung handelt. Als sie und ihr polnischer Kollege Adam Krawczyk die Leiche untersuchen, entdecken sie ein großes geschliffenes Stück Bernstein in der Kehle des Toten. Außerdem ist Luisa, die zehnjährige Tochter eines der Paare spurlos verschwunden. Schwierige Ermittlungen beginnen.

„Strandopfer“ ist der Auftakt zu Frank Goldammers neuer Reihe mit einem polnisch-deutschen Ermittlerduo. Schon die Leseprobe hat mich in ihren Bann gezogen, doch wurden meine hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt.

Die Suche nach Luisa läuft auf Hochtouren, gleichzeitig ermitteln Schuldt und Krawczyk im Mordfall Hundt. Während sie einen Racheakt der polnischen Bernsteinmafia vermutet, glaubt Adam, dass der Täter einer der Reisegefährten sein könnte. Die Zeit drängt und bald ist ein weiteres Opfer zu beklagen.

Hier ist nichts so wie es scheint. Weder klappt die Zusammenarbeit zwischen Schuldt und Krawczyk besonders gut, noch kooperieren die Freunde des Toten mit der Polizei. Vorurteile, Misstrauen, Klischees und Kompetenzgerangel erschweren die Ermittlungen in hohem Maß. Es liest sich erschreckend, wie wenig die letzten Jahrzehnte und eine Europäische Union in den Köpfen der Menschen bewirkt haben. Das gilt für die Polizisten genauso wie für die Urlauber.

Während Adam fließend Deutsch spricht, versteht Lena kein einziges polnisches Wort, obwohl sie ganz in der Nähe aufgewachsen ist. Dies macht ihr neben ihren zahlreichen Vorurteilen gegenüber Polen, von Beginn an zu schaffen. Unterstellt sie doch Adam nicht korrekt zu übersetzen, ohne dafür einen Beweis zu haben. Außerdem hat sie Schwierigkeiten damit, dass er das Kommando hat.

Keiner der Protagonisten ist sonderlich sympathisch. Die Ermittler machen Fehler, da sie nicht vernünftig zusammenarbeiten und ihren Vorurteilen frönen. Lena hat eine traumatische Kindheit und Jugend hinter sich und hasst die Region. Ihren Flashbacks wird sehr viel Raum gegeben. Adams gescheiterte Ehe mit einer Deutschen hat ihre Spuren hinterlassen. Die Mitglieder der Reisegruppe sind einander lange nicht so zugetan, wie sie den Anschein erwecken wollen. Sie verschweigen wichtige Beobachtungen und Vorkommnisse. Einig sind sie sich nur in der Beurteilung der kleinen Luisa, die als schwieriges, verzogenes Gör beschrieben wird. Ich habe mich wiederholt gefragt, warum diese Gruppe freiwillig ihren Urlaub gemeinsam und in Polen verbringt.

Der Autor schildert den Fall mit bilderreichem Lokalkolorit, was mir sehr gefällt. Die teilweise düstere Atmosphäre passt gut. Der Fall an sich ist spannend, doch die zahlreichen Rückblicke Lenas und das ständige Aufblitzen von Vorurteilen, führen zu Längen. Ich denke, dass dies der Einführung geschuldet ist. Letztendlich wird das Verbrechen aufgeklärt und alle Fragen beantwortet. Teilweise hat mich das Ende überrascht. Ich hatte zwar eine Ahnung in diese Richtung, aber die Perfidität des Täters hat mich doch verblüfft.

Im Epilog klingt an, dass Adam und Lena sich besser verstehen lernen und erfolgreich ihre Vorurteile bekämpfen wollen. Das lässt mich auf eine Fortsetzung hoffen, die das Potenzial des Plots voll ausschöpft.

Ein Glossar am Ende mit polnischen Begriffen rundet das Buch ab.