Ostsee-Krimi mit Längen

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REZENSION – Vor etwa 20 Jahren musste Malermeister Frank Goldammer (51) den ersten in seiner Heimatstadt Dresden spielenden Krimi noch im Selbstverlag veröffentlichen. Doch mit seiner Romanreihe um Polizeihauptmann Max Heller wurde er ab 2016 bald zum Bestseller-Autor. Während seine bisherigen Krimis in Vergangenheit und Gegenwart der Elbmetropole angesiedelt waren, wechselt der Autor nun mit seinem im Mai bei Rowohlt veröffentlichten Kriminalroman „Strandopfer“, dem Auftaktband zur neuen „Grenzfall Ostsee“-Reihe, nicht nur den Verlag, sondern verlegt nach knapp 30 Dresden-Krimis auch den Handlungsort an die deutsch-polnische Grenzregion der Ostseeküste.
Am Strand von Swinemünde liegt ein toter Urlauber aus Deutschland. Alles deutet auf einen Badeunfall hin. Doch die auf Usedom aufgewachsene, jetzt in Berlin lebende Kommissarin Lena Schuldt, zur Zusammenarbeit mit dem ermittelnden polnischen Kommissar Adam Krawczyk in die polnische Hafenstadt beordert, entdeckt im Rachen des Toten einen großen Bernstein. Nur wenig später wird Luisa, die zehnjährige Tochter einer Freundin des Toten, als vermisst gemeldet. Es stellt sich heraus, dass beide einem Freundeskreis angehören, der in einer abseits gelegenen Swinemünder Villa gemeinsam Urlaub macht. Als bald ein weiteres Mitglied dieser Gruppe tot aufgefunden wird – wieder mit einem Bernstein im Rachen – wird auch der anfangs vermeintliche Badeunfall zum Mordfall. Während die deutsche Ermittlerin eine mögliche Lösung des Falles bei polnischen Bernsteinhändlern zu finden hofft, vermutet ihr polnischer Kollege aufgrund einiger Ungereimtheiten in den Verhören den möglichen Mörder in der deutschen Urlaubergruppe.
Nicht nur die Undurchsichtigkeit des Falles, sondern auch die gegenseitig aus alter Zeit noch bestehenden deutsch-polnischen Vorurteile und manche zu gelegentlichem Vertrauensverlust führenden oder sogar in Misstrauen gipfelnden Empfindsamkeiten beider Ermittler, basierend auf persönlichen Erfahrungen und unterschiedlichen Biografien, erweisen sich bei der Aufklärung als hinderlich. Aus diesen kulturellen und persönlichen Konflikten entwickelt sich parallel zur Handlung eine interessante Dynamik, die dem Roman zusätzliche Spannung gibt.
Dieser Effekt ist auch gelegentlich notwendig, bleibt doch der Fall über lange Strecken recht unübersichtlich und verliert gelegentlich an Tempo. Die Handlung kommt kaum noch voran. Selbst die Ermittler scheinen nicht weiterzuwissen. Dies gilt vor allem für die Gespräche mit den Urlaubern, die trotz wiederholter Befragung im Ergebnis kaum Neues bringen. In ihrer individuellen Charakterisierung bleiben die einzelnen Personen über lange Zeit zunächst auch recht blass, so dass dem Leser eine klare Einordnung schwerfällt. Wem darf man vertrauen, wem muss man misstrauen? Diese Ungewissheit mindert gegen Mitte des Romans die Spannung. Erst später, als endlich die Emotionen der einzelnen Urlauber sich zeigen und zu manchem Gefühlsausbruch steigern, gewinnen die Protagonisten endlich zunehmend an Charakter und der Roman wieder an Dramatik.
Besonders interessant am Roman „Strandopfer“ ist sicher das Zusammenspiel der beiden gleichaltrigen 31-jährigen Ermittler Lena Schuldt aus Deutschland und Adam Krawczyk aus Polen. In Rückblicken erfahren wir von Lenas schwieriger Jugend auf Usedom, verlassen von der Mutter, aufgewachsen bei einem arbeitslosen Alkoholiker als Vater, verloren in sterbender DDR-Provinz und in der Gruppe jugendlicher Neonazis nach Familienersatz suchend. Erst als Polizistin in Berlin hatte sie sich von ihrer Vergangenheit befreien können. Auf der anderen Seite steht der junge Adam, wenige Jahre mit einer Deutschen verheiratet und von dieser bald wieder verlassen. Nicht nur wegen dieser persönlichen Enttäuschung bleibt er seiner deutschen Kollegin gegenüber verschlossen und abwartend, sondern weiß auch um die Vorurteile vieler Deutscher gegenüber den Polen – gerade im Grenzbereich der früheren DDR. Doch ob allein dieses Thema für weitere Bände der neuen Krimireihe „Grenzfall Ostsee“ mit Goldammers neuem Ermittler-Duo ausreichen wird? Man darf gespannt sein.