Hartes Leben an der See

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matheelfe Avatar

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„...Nur wenn sie lief, konnte sie denken. Solange sie in Bewegung war, fühlte sie sich nicht von ihren Ängsten erdrückt. Als müsste sie fliehen, aus dem Bett, aus dem Haus, aus ihrem Leben…“

Wenig später wird Cora fliehen. Sie nimmt eine Stelle als Gouvernante an, ändert ihren Familiennamen und geht mit Alexander und seiner Tochter Emmi auf die Insel Norderney. Emmi hat Tuberkulose und soll sich dort erholen. Ihrem Vater hinterlässt Cora nur eine kurze Nachricht, ohne ihren Aufenthaltsort zu verraten.
Die Autorin hat einen beeindruckenden und spannenden Roman geschrieben. Der Schriftstil ist fein ausgearbeitet. Er schildert das Leben an der Nordsee anschaulich und bringt die Probleme der Protagonisten auf den Punkt. Die innere Spannung ergibt sich durch die Geheimnisse, die lange im Dunkeln bleiben.
Wir schreiben das Jahr 1860. Cora ist eine selbstbewusste und wissbegierige junge Frau. Lange hat ihr Vater den Wunsch nach Lernen unterstützt, da ihre beiden Brüder in jungen Jahren verstorben sind. Doch dann kommt der Zeitpunkt, wo ihr klargemacht wird, was ihre Pflichten als Frau sind. Doch Cora bricht aus und verschwindet.
Auf Norderney soll sich Cora um die Schulbildung von Emmi kümmern. Heute würde man sagen, das Mädchen ist hochbegabt. Gekonnt setzt sich Cora über die Anweisung von dessen Vater weg und lehrt Emmi mehr, als sie soll. Das gefühlvolle Spielen eines Instruments liegt Emmi allerdings nicht. Aber genau das wird von ihr erwartet.

„...Wenn jemand es nicht wollte oder kein Talent hatte, verschwendete man nur kostbare Zeit. Emmi war zu etwas anderem geboren. Warum bloß musste man Frauen in Formen pressen, in die sie nicht passten, nur weil es sich so gehörte?…“

Als Emmi den Wunsch äußert, auf der See zu rudern, gibt Cora dem nach. Das hätte fast in einer Katastrophe geendet. Jetzt verpflichtet Emmis Vater den Arbeiter Onnen, die beiden auf ihren Wegen zu begleiten. Onnen stammt eigentlich von Borkum.

“...Als Kind hatte Onnen seinen Vater nur sorgenvoll erlebt. Die Insel bot keine Einnahmequellen mehr, der Walfang war vorbei, eine Überschwemmung hatte dafür gesorgt, dass das Ackerland für viele Jahre so gut wie nicht nutzbar gewesen war…“

Mit den aufkommenden Tourismus wird es besser. Allerdings sind damit neue Härten für die Einheimischen verbunden. Hinzu kommt, dass die See rau und unbarmherzig sein kann. Das wirkt sich auch auf die Bewohner aus.
Spannend fand ich die Medizin der damaligen Zeit. Die Gefahren mancher Medikamente hat man ziemlich unterschätzt.
Eine der Höhepunkte der Geschichte ist das Gespräch zwischen Cora und Emmis Großmutter. Hier prallen alte und moderne Ansichten hart aufeinander.

„...Wenn wir Frauen absichtlich kindlich halten, dann halten wir ihren Geist auch absichtlich leer. Wir verweigern Emmi, selbstständig zu denken und zu entscheiden…“

Die Großmutter ist der Meinung, zum Denken habe sie später ihren Mann.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Es zeigt, wie schwierig es für Frauen im bürgerlichen Milieu war, eigenständig leben zu wollen.