Schicksale so unberechenbar wie die Gezeiten

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annnnnnna Avatar

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Norderney im Jahr 1860. Die Gezeiten bestimmen den Rhythmus des Lebens und auf Norderney scheint die Zeit nach ihren ganz eigenen Regeln zu vergehen. Zwischen rauer Nordseeluft, verschlossenen Insulanern und wohlhabenden Sommergästen beginnt für Cora ein neuer Lebensabschnitt. Unter falschem Namen tritt sie die Stelle als Gouvernante der kränklichen Emmi an und flieht gleichzeitig vor den Zwängen ihres bisherigen Lebens in Hamburg.

Gemeinsam mit ihrem Vater verbringt Emmi den Sommer auf Norderney, denn die gute Seeluft soll ihrer angeschlagenen Lunge helfen. Während ihre Mutter zu Hause ein weiteres Kind erwartet, quält Emmi das Heimweh. Aus Angst vor einer Ansteckung muss sie auf die Nähe ihrer Familie verzichten. Umso inniger wächst die Verbindung zwischen ihr und Cora. Emmi ist wissbegierig, stellt unzählige Fragen und interessiert sich für weit mehr als das, was Mädchen ihrer Zeit eigentlich lernen sollten. Cora erkennt ihre Begabung, fördert ihre Neugier und unterrichtet sie auch in Fächern, die damals den Jungen vorbehalten waren. Gerade diese gemeinsamen Unterrichtsstunden gehören für mich zu den schönsten Momenten des Romans.

Gleichzeitig begegnet Cora dem wortkargen Onnen, der ebenso viele Geheimnisse mit sich trägt wie sie selbst. Zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch mehr verbindet, als zunächst sichtbar ist. Beide haben ihre Vergangenheit sorgfältig verschlossen und hoffen, dass manches für immer im Verborgenen bleibt. Geister der Vergangenheit, ob tot oder lebendig, lassen sich jedoch nicht einfach abschütteln.

Miriam Georg gehört für mich nicht ohne Grund zu meinen liebsten Autorinnen. Sie besitzt die besondere Gabe, historische Stoffe so lebendig zu erzählen, dass man schon nach wenigen Seiten vollkommen in ihrer Welt versinkt. Die Gezeiten geben den Takt vor und schon bald spürt man den Herzschlag dieses Romans. Norderney und Borkum werden dabei weit mehr als bloße Schauplätze. Man riecht das Salz in der Luft, hört das Rauschen der Nordsee und erlebt den harten Alltag der Insulaner, die zwischen Sommergästen, Seefahrt und den Launen der Natur ihren Lebensunterhalt sichern müssen.

Besonders berührt hat mich Cora. Klug, mutig und ihrer Zeit weit voraus sehnt sie sich nach einem selbstbestimmten Leben. Miriam Georg zeigt eindrucksvoll, welchen Erwartungen Frauen damals ausgesetzt waren und wie sehr ihr Leben vom Wohlwollen ihrer Ehemänner abhing. Gerade Coras Wunsch nach Freiheit verleiht der Geschichte eine große emotionale Kraft.

Mindestens genauso eindrucksvoll sind jedoch die Figuren, die diesen Roman mit Leben füllen. Die wissbegierige Emmi, der verschlossene Onnen, die geheimnisvolle Kräuterfrau Tamme oder Frau Aggen mit ihrer rauen Schale und ihrem weichen Kern. Jede einzelne Figur wirkt lebendig, vielschichtig und trägt ihren Teil zu diesem außergewöhnlichen Kosmos bei.

Am Ende bleibt das Gefühl, in die Herzen vieler Menschen geblickt zu haben, die sich, ohne es zu wissen, ihr ganzes Leben lang gesucht haben. Sie alle verbindet eine Einsamkeit, die Menschen manchmal enger zusammenschweißt als jede familiäre Verbindung.

Ein Roman, der lange nachhallt und einen noch weit über die letzte Seite hinaus begleitet. Die Vorfreude auf Coras Reise und das Wiedersehen in ‚Salzwind’ im Herbst könnte kaum größer sein. 🤎