Schicksale zwischen Ebbe und Flut

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Norderney, 1860. Cora kommt als Gouvernante auf die Insel. Sie begleitet den Architekten Alexander Klaasen, dessen Tochter in der Nordseeluft zu Kräften kommen soll. Während er den Umbau des Conversationshauses überwacht, kümmert sich die junge Frau um Emmi. Nachdem ein Ausflug aufs Meer in einer Rettungsaktion endete, wird der Tagelöhner Onnen engagiert. Er kennt die Insel und die Tücken der Gezeiten genau und kann dem Mädchen viel über die Geheimnisse der Nordsee erzählen. Auch Cora kommt dem verschlossenen Friesen näher. Jeder für sich hütet zudem ein Geheimnis aus der Vergangenheit.

Bei Miriam Georg beginnen historische Romane mit einem hohen Spannungslevel. Sie lässt zwei Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zueinanderfinden und stellt ihnen dann Hürden in den Weg. In Sturmland geht es um den Fischer Onnen, den ein Ereignis traumatisiert hat. Mit dieser Schuld lebt der gebürtige Borkumer nun auf Norderney. Durch ihn wird deutlich, wie die Insulaner ihr Leben bestreiten und welche Werte für sie wichtig sind. Ergänzt wird diese Perspektive durch die Wirtin, bei der Klaasen die Räume gemietet hat. Sie lässt erahnen, wie die Anfänge des Tourismus auf den Ostfriesischen Inseln waren. Um Sommerfrischler zu beherbergen, zogen die Einwohner in Räume, die oft gar nicht zum Wohnen ausgelegt waren. Die Figuren wirken lebendig und sorgen für genügend Lokalkolorit.

Historisches Norderney als lebendige Kulisse
Die Dilogie der Sturmland erzählt die Anfänge der Seenotrettung, die sich bis heute um Katastrophen auf dem Meer kümmern. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es keine Rettungsboote, um Schiffbrüchige ans Ufer zu bringen. Die Retter mussten also ihre eigene Existenzgrundlage verwenden und setzten zusätzlich in den Unwettern ihr Leben aufs Spiel. Während die Niederlande und England bereits Bergungsmannschaften organisiert hatten, war der Deutsche Bund noch auf die freiwillige Hilfsbereitschaft angewiesen. Diesen Missstand erkennt auch Cora auf einer Versammlung und wird von der Autorin perfekt positioniert.

Die Protagonistin versteckt sich auf den Inseln vor ihrer Hamburger Vergangenheit, was zusätzlich neugierig auf den Fortlauf macht. Mit ihr fließt das Verhalten der gehobenen Gesellschaft in den Roman ein. Cora hat eine umfassende Bildung genossen und gibt diese nun an ihren Zögling weiter. Sie kennt die Etikette, und versucht sich daran zu halten. Sie ist eine eigenständig denkende Frau und stellt manche Diagnose des Inselarztes in Frage. Dadurch wirkt sie für ihre Zeit erstaunlich modern. Dem gegenüber steht Onnen, dessen Leben von den Naturgewalten und den einfachen Verhältnissen der Insel geprägt ist. Gerade dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher Lebenswelten verleiht der Handlung ihren besonderen Reiz. Miriam Georg zeichnet die Landschaft Norderneys mit seinen Dünen, Stränden und dem oft rauen Nordseeklima so anschaulich, dass die Insel zu einem eigenständigen Bestandteil der Geschichte wird. Wind, Gezeiten und Wetter bestimmen den Alltag der Menschen und verleihen dem Roman eine dichte Atmosphäre. Die historische Entwicklung des Seebades und die dramatischen Ereignisse auf See verbinden sich mit der Liebesgeschichte zu einem ebenso spannenden wie stimmungsvollen Auftakt der Dilogie. Fortgesetzt wird er bereits im Oktober mit Salzwind.

Mit Sturmland verbindet Miriam Georg historische Fakten, bewegende Schicksale und eine atmosphärische Liebesgeschichte zu einem fesselnden Roman. Besonders eindrucksvoll schildert sie die Entstehung der Seenotrettung und das entbehrungsreiche Leben auf den Ostfriesischen Inseln Mitte des 19. Jahrhunderts. Die authentischen Figuren, der Konflikt zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und das eindrucksvoll gezeichnete Norderney sorgen für ein stimmiges Gesamtbild. Gleichzeitig endet der Roman mit offenen Fragen, die neugierig auf den zweiten Band machen. Ein historischer Roman, der Geschichte lebendig werden lässt und dabei ebenso unterhält wie bewegt.