Eine Wucht von Buch

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helenka_leni Avatar

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Mit „Suki“ erzählt Salih Jamal die Geschichte eines 16-jährigen Mädchens, das schon äußerlich aus der Masse heraussticht und sich auch innerlich nirgendwo richtig zugehörig fühlt. Suki ist halb Deutsche, halb Japanerin und lebt bei ihrer Großmutter. Ihre Eltern haben sich weitgehend aus ihrem Leben zurückgezogen. Was bleibt, ist das Gefühl, anders zu sein, nicht dazuzugehören und von den Menschen um sie herum nicht wirklich wahrgenommen zu werden.

Suki reagiert darauf mit Wut, Widerstand und Rückzug. Sie ist keine einfache Jugendliche, aber hinter ihrer schroffen Fassade steckt vor allem eine große Sehnsucht: nach Nähe, nach Verständnis und danach, endlich für das gesehen zu werden, was sie wirklich ist. Ihre Spaziergänge durch Berlin werden zu einem Ventil für all das, was sie in ihrem Inneren mit sich herumträgt.

Dann ist da Anna Fischer, ihre Lehrerin. Auch sie trägt Verletzungen und eine eigene Vergangenheit mit sich herum und hat gelernt, vieles für sich zu behalten. Zwei Menschen, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten, begegnen sich – und entwickeln eine Verbindung, die nicht durch große Erklärungen entsteht. Es sind vielmehr kleine Gesten, Blicke und manchmal nur eine flüchtige Berührung, die etwas in Bewegung setzen.

Gerade diese leisen Momente haben mich an diesem Roman besonders berührt. Salih Jamal erzählt nicht laut oder aufdringlich, sondern mit viel Feingefühl. Die kurzen Kapitel wechseln zwischen Vergangenheit und Gegenwart und geben nach und nach Einblicke in die Lebenswelten von Suki und Anna. Dadurch versteht man immer besser, welche Erfahrungen die beiden geprägt haben und warum sie sich hinter ihren jeweiligen Schutzmechanismen verstecken.

Suki ist eine Figur, die mir sehr schnell ans Herz gewachsen ist. Sie ist widersprüchlich, impulsiv, verletzlich und manchmal schwer zu verstehen – und genau deshalb wirkt sie so echt. Ihr Verhalten ist nicht immer logisch oder vernünftig. Sie handelt aus Schmerz, Überforderung und Sehnsucht heraus. Doch gerade diese Brüche machen sie zu einer Figur, die man nicht so schnell vergisst.

Besonders schön fand ich den Gedanken, dass Gesehenwerden nicht nur bedeutet, dass jemand anderes einen wahrnimmt. Irgendwann müssen wir auch selbst den Mut finden, aus unserem Schutzkokon herauszutreten. Der Roman erzählt deshalb nicht nur von Einsamkeit und Verlust, sondern ebenso von Veränderung, Verbundenheit und der Möglichkeit, sich wieder für einen anderen Menschen zu öffnen.

Mich hat dieser Roman sehr berührt. Er handelt vom Erwachsenwerden, von Einsamkeit und familiärer Entfremdung, aber auch von Freundschaft, Nähe, Grenzen und dem Mut, sich wieder auf andere einzulassen. Vor allem aber ist es eine Geschichte über Menschen mit ihren Ecken, Brüchen und Widersprüchen – und darüber, dass hinter einer schwierigen Fassade oft eine ganz andere Sehnsucht verborgen liegt.

„Suki“ ist für mich ein stiller, intensiver und außergewöhnlicher Roman, der noch lange nach dem Lesen nachwirkt. Salih Jamal zeigt einmal mehr sein besonderes Gespür für menschliche Abgründe und zugleich für die kleinen Lichtblicke, die darin entstehen können.

Ene berührende Geschichte über das Gesehenwerden, über Einsamkeit und Nähe – und über zwei Menschen, die einander vielleicht genau das geben können, was ihnen selbst so lange gefehlt hat. Absolute Leseempfehlung.