Manchmal reicht es, wenn jemand hinsieht.

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suewid Avatar

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Es kommt durchaus vor, dass ein Buch bei mir im Kopf bleibt, mich zum Nachdenken anregt und mich für eine Weile begleitet. Aber nur selten schafft es ein Buch, mich mitten ins Herz zu treffen und sich dort einen festen Platz zu schaffen.

So ist es mir mit dem neuesten Werk „Suki“ des Autors Salih Jamal passiert.
Schon auf den ersten Seiten oder besser gesagt nach den ersten Hörminuten war ich völlig gefangen. Sein Stil und seine sprachliche Gewandtheit haben mich sofort für sich eingenommen.
Der Text lebt von seiner poetischen und feinfühligen Art, ohne dabei übertrieben schwülstig oder unmodern zu wirken. Dabei gelingt es dem Autor die ganze Zeit über, unglaublich nah an seinen Figuren zu bleiben.
Man hat nicht das Gefühl, ihre Geschichte lediglich zu verfolgen. Vielmehr scheint man ihnen ganz unmittelbar nahe zu sein, ihre Gedanken und Gefühle mitzuerleben und für einen Moment selbst Teil ihrer Welt zu werden.

Das Hörbuch hat Sabine König eingesprochen und verleiht dem Text mit ihrer emotionalen und nuancierten Stimme eine besondere Intensität. Schon nach wenigen Minuten hatte ich das Gefühl, selbst in Sukis Klassenzimmer zu sitzen, neben ihr zu sein und gemeinsam mit ihr aus dem Fenster zu schauen. Auch Anna Fischer, Suki’s Lehrerin, bekommt durch ihre Stimme eine ganz eigene Persönlichkeit.

Gekonnt finde ich auch das ausgewählte Cover. Ein junges Mädchen, das ein Auge zukneift. Doch statt frech oder herausfordernd zu wirken, strahlt ihr Blick etwas Verlorenes und Verletzliches aus. Genau diese Stimmung hat mich angesprochen und dazu gebracht, mir den Klappentext genauer anzusehen.

Die Geschichte spielt in den letzten Tagen im Dezember bis hin zu Neujahr. Wir begleiten die 16-jährige Suki und im Perspektivwechsel ihre Lehrerin Anna Fischer.
Auf den ersten Blick ist Suki eine Jugendliche wie viele andere, verloren, etwas haltlos und geprägt von den Unsicherheiten der Pubertät. Aber je näher man ihr kommt, desto deutlicher wird, wie viel mehr in ihr steckt.

„Aufgeweckt, scharf, reflektiert wie jemand, der die Welt längst verstanden hat, aber keinen Platz darin findet.“ (Kapitel 23)

Dieser Satz beschreibt Suki für mich ganz wunderbar. Ihre Verlorenheit und die Suche nach ihrem Platz haben mich besonders berührt. Dieses Gefühl, dass niemand genauer hinsieht, obwohl sie eigentlich so dringend jemanden bräuchte, der es tut.
Auch Anna Fischer, Sukis Lehrerin, trägt ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Brüche mit sich. Als sich die Wege der beiden kreuzen, entsteht zwischen ihnen eine besondere Nähe, die für mich einen ganz besonderen Teil der Geschichte ausmacht.

Mich hat absolut begeistert, wie der Autor in so kurzer Zeit eine ganze Welt entstehen lässt, die so viel tiefer geht. Die fast schon melancholische Atmosphäre ist dabei die ganze Zeit spürbar, ohne jemals erdrückend zu werden.

Ein kleines Manko war für mich, dass das Nachwort, das in der gedruckten Ausgabe enthalten ist, im Hörbuch fehlt. Wer es trotzdem lesen möchte, findet es auf der Website des Autors.



Meine Bewertung: 5 von 5 Sternen

Mit „Suki“ habe ich eine Geschichte gefunden, die mich nicht nur zum Nachdenken gebracht hat, sondern mich auch emotional berührt und vermutlich noch lange begleiten wird. Besonders bleibt bei mir das Gefühl zurück, wie wichtig es sein kann, dass jemand wirklich hinsieht und einen Menschen nicht vorschnell beurteilt.
Salih Jamal erzählt auf wenigen Seiten von Verlorenheit, Zugehörigkeit, Verlust und der Sehnsucht danach, gesehen zu werden.
Für mich ist „Suki“ eines dieser seltenen Bücher, die nicht einfach nach dem Lesen oder Hören verschwinden.

Auf der Website des Autors findet man neben dem Nachwort auch Hintergrundinformationen zum Buch sowie Interpretations- und Unterrichtsmaterial. Gerade Letzteres finde ich spannend. „Suki“ ist für mich ein gutes Beispiel dafür, dass auch aktuelle Literatur viel Stoff zum Diskutieren, Hinterfragen und Analysieren bieten kann.