rohe Poesie

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jerichothoem Avatar

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Nähe und Distanz; das inhaltliche Thema des Romans wird deutlich vom Schreibstil getragen. Erzählt wird in der dritten Person, aber dennoch aus Sukis Perspektive, und später auch aus der ihrer Lehrerin. Viele Sätze lesen sich fast schon gleichgültig, doch gerade daraus entstehen auch sehr rohe Sätze der Beobachtung, die uns Suki schonungslos nahe bringen. Oftmals geschieht dies im Kontrast der wörtlichen Reden mit dem inneren Erleben. Diese Beschreibungen von Gedanken, Gefühlen und ihren Manifestationen sind auf eine poetische Art kreativ und schaffen damit gleichermaßen einen emotionalen Sog in die Erzählung und Irritation. Dieser Stil spiegelt damit dissoziatives Erleben im Sinne von Derealisation/Depersonalisation genauso, wie er sie meisterhaft beschreibt.

Die inhaltlichen Elemente unterstützen den Schreibstil. Die Erzählung spielt im kalten, trüben Dezember, der emotional durch die Weihnachtsfeiertage und das Jahresende geprägt ist. Sowohl Suki, als auch ihre Lehrerin müssen sich mit Verlust, Zugehörigkeit, Einsamkeit und der Frage nach dem Wozu und Wohin ihres Lebens stellen. Veränderung und Hoffnung sind in dieser Erzählung zaghafte, schleichende und kaum wahrnehmbare Prozesse, deren Stärke ihre Fragilität ist.

Der Autor schafft hier ein nuanciertes und emotional komplexes Werk, dessen Komplexität geradewegs wieder ins nichtssagende zu kippen droht. Ob ihm dieser Balanceakt gelungen ist, wird wohl Ansichtssache sein. Wer sich darauf nicht einlassen mag findet dieses Buch entweder sehr einfach zu lesen, indem die Tiefe schlicht ignoriert wird, oder sehr anstrengend, indem man sich zu sehr darin verliert. Ich kann kein klares Urteil abgeben, weil ich denken, dass dieses Buch sich wie wenige andere in Kooperation mit dem Lesenden verwirklicht. Ich fand das mitunter anstrengend, genauso aber auch lohnenswert. Ich lese aus dieser Erzählung ein gelungenes Portrait unserer gesellschaftlichen Stimmung, insbesondere für die junge Generation. Ich habe einzelne Sätze und ganze Passagen als Zitate angestrichen, weil ich finde, dass sie etwas treffen, was schwer in Worte zu fassen ist.

Eine Leseempfehlung? Ich weiß es nicht. Definitiv ein Buch, bei dem die Leseprobe der Entscheidung zuträglich ist.

Ein Hinweis zur Gestaltung:
Negativ aufgefallen ist mir, dass das Titelbild KI generiert wurde. Immerhin wird dies im Impressum klar und ehrlich angegeben.