So stark - und dann wieder so schwach
Dieser Roman hat mich vor allem durch seinen Widerspruch beschäftigt: Er kann ausgesprochen fein, leise und berührend sein – und zerstört diese Qualität dann immer wieder durch eine Sprache, die sehr platt, ja, sogar stellenweise sehr KI-generiert daherkommt.
Im Zentrum steht Suki, eine Jugendliche, die bereits mehrfach eine Klasse wiederholt hat und sich dadurch schon äußerlich von ihren Mitschüler*innen unterscheidet. Sie lebt bei ihrer Großmutter, ihre Eltern sind getrennt, sie hat offenbar ein Wutproblem und macht seit ihrer Kindheit Erfahrungen mit Rassismus. Die Frage, wo und zu wem sie gehört, wird dabei immer wieder als existenzielles Problem erzählt.
Der Roman nimmt Fahrt auf, als Suki nach einem Unfall ihrer Lehrerin Frau Fischer näherkommt. Zunächst ist diese Begegnung beinahe beiläufig. Suki hat Frau Fischer zuvor schon auf einem Friedhof gesehen, an einem Grab eines Menschen, der jung gestorben ist. Nach und nach erschließt sich, dass auch Frau Fischer einen Verlust zu tragen hat. Die beiden Perspektiven wechseln sich ab, und zwischen Lehrerin und Schülerin entsteht ein vorsichtiger, zunächst kaum merklicher Kontakt. Ein paar SMS reichen, um eine Beziehung anzudeuten, die der Roman glücklicherweise nicht vorschnell definiert.
Hier liegt seine große Stärke: Er kann Nähe herstellen, ohne sie sofort zu benennen. Die besten Passagen vertrauen darauf, dass Leser*innen etwas wahrnehmen, bevor es erklärt wird. Gerade die Beziehung zwischen Suki und Frau Fischer entwickelt dadurch eine bemerkenswerte Spannung. Es geht nicht um eine große dramatische Wendung, sondern um die Erfahrung, dass ein Mensch einen anderen Menschen wahrnimmt, vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich.
Umso auffälliger ist, wie oft der Roman diesem eigenen erzählerischen Prinzip nicht vertraut. Schon der Einstieg wirkt stellenweise sprachlich erstaunlich schlicht und konstruiert. Später tauchen immer wieder Sätze auf, die etwas Bedeutendes sagen wollen, anstatt eine Bedeutung aus der Situation heraus entstehen zu lassen. Besonders irritierend sind die zahlreichen Konstruktionen nach dem Muster „nicht X, sondern Y“. Eine einzelne solche Formulierung kann stilistisch vollkommen legitim sein; wenn sie sich jedoch mehrfach auf engem Raum wiederholt, entsteht daraus der Eindruck, es sei KI-generiert. Der Satz „Und in diesem Takt begann die Leere nicht als Loch, nicht als drohende Abwesenheit, sondern als eine Fläche, die sich glättete“ ist dafür ein gutes Beispiel. Er möchte offenbar poetisch sein, wirkt auf mich aber eher wie eine KI-generierte Plattitüde.
Die besten Stellen des Romans sind authentisch poetisch. Sie beobachten. Sie lassen Lücken. Sie erklären nicht jede Emotion. Die schwächeren Passagen hingegen scheinen dem Text seine eigene Wirkung nicht zuzutrauen, weshalb immer wieder 'zu dick' aufgetragen wird.
Das zeigt sich auch an manchen Motiven, die fast wie nachträgliche Markierungen für die Figur funktionieren. Dass Suki angeblich in einem Aufsatz über Courage lediglich „Das ist Mut“ geschrieben und den Aufsatz abgegeben habe, soll vermutlich ihre Andersartigkeit, ihre Verweigerung gegenüber schulischen Erwartungen oder vielleicht sogar ihre eigentümliche Form von Klarheit charakterisieren. Auf mich wirkt es jedoch eher wie eine Plattitüde, weil man dieses Bonmot doch schon oft gehört hat.
Auch das Nachwort macht dieses Problem sichtbar. Dort formuliert der Autor den größeren Anspruch des Romans: Es geht um die Frage, was es heute bedeutet, jung zu sein, und um etwas Fundamentaleres als Schule oder familiäre Kompetenz – um Verlässlichkeit, um Räume, in denen Zeit wieder als Zeit erlebt werden kann, statt als „endloser Alarm“. Das sind nachvollziehbare Gedanken und sie geben dem Roman einen gesellschaftlichen Horizont. Gleichzeitig ist das Nachwort sprachlich teilweise so platt und wirkt KI-generiert, dass es schon fast wehtut.
Hinzu kommt ein handwerklicher Stolperstein gleich am Anfang: Der erste Perspektivwechsel von Suki zu Frau Fischer beziehungsweise „Anna“ wird so unvermittelt vollzogen, dass zunächst gar nicht klar ist, wer hier erzählt. Erst nach und nach lässt sich die Figur einordnen. Später funktioniert der Wechsel zwischen den Perspektiven deutlich besser. Gerade deshalb fällt der missglückte Einstieg umso stärker auf.
Am Ende bleibt bei mir deshalb ein widersprüchliches Bild. Dieser Roman besitzt etwas, das sich nicht einfach herstellen lässt: eine eigene leise Atmosphäre und ein Gespür für die fragile Nähe zwischen Menschen. Einige Passagen haben mich tief berührt und über die Lektüre hinaus beschäftigt. Gleichzeitig stehen ihnen Sätze gegenüber, die diese Wirkung beinahe mutwillig wieder durch Floskeln, Erklärungen, sprachliche Schablonen oder eine unnötige Bedeutsamkeit zerstören.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich die Schwächen so sehr gestört haben. Wäre der Roman insgesamt belanglos, wären sie kaum der Rede wert. Aber hier ist immer wieder zu spüren, wie viel stärker er sein könnte, wenn er seiner eigenen subtilen Erzählweise konsequenter vertrauen würde. Seine besten Momente brauchen keine große Geste. Sie brauchen nur zwei Menschen, die einander vorsichtig wahrnehmen. Und genau dann ist dieser Roman am überzeugendsten.
Im Zentrum steht Suki, eine Jugendliche, die bereits mehrfach eine Klasse wiederholt hat und sich dadurch schon äußerlich von ihren Mitschüler*innen unterscheidet. Sie lebt bei ihrer Großmutter, ihre Eltern sind getrennt, sie hat offenbar ein Wutproblem und macht seit ihrer Kindheit Erfahrungen mit Rassismus. Die Frage, wo und zu wem sie gehört, wird dabei immer wieder als existenzielles Problem erzählt.
Der Roman nimmt Fahrt auf, als Suki nach einem Unfall ihrer Lehrerin Frau Fischer näherkommt. Zunächst ist diese Begegnung beinahe beiläufig. Suki hat Frau Fischer zuvor schon auf einem Friedhof gesehen, an einem Grab eines Menschen, der jung gestorben ist. Nach und nach erschließt sich, dass auch Frau Fischer einen Verlust zu tragen hat. Die beiden Perspektiven wechseln sich ab, und zwischen Lehrerin und Schülerin entsteht ein vorsichtiger, zunächst kaum merklicher Kontakt. Ein paar SMS reichen, um eine Beziehung anzudeuten, die der Roman glücklicherweise nicht vorschnell definiert.
Hier liegt seine große Stärke: Er kann Nähe herstellen, ohne sie sofort zu benennen. Die besten Passagen vertrauen darauf, dass Leser*innen etwas wahrnehmen, bevor es erklärt wird. Gerade die Beziehung zwischen Suki und Frau Fischer entwickelt dadurch eine bemerkenswerte Spannung. Es geht nicht um eine große dramatische Wendung, sondern um die Erfahrung, dass ein Mensch einen anderen Menschen wahrnimmt, vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich.
Umso auffälliger ist, wie oft der Roman diesem eigenen erzählerischen Prinzip nicht vertraut. Schon der Einstieg wirkt stellenweise sprachlich erstaunlich schlicht und konstruiert. Später tauchen immer wieder Sätze auf, die etwas Bedeutendes sagen wollen, anstatt eine Bedeutung aus der Situation heraus entstehen zu lassen. Besonders irritierend sind die zahlreichen Konstruktionen nach dem Muster „nicht X, sondern Y“. Eine einzelne solche Formulierung kann stilistisch vollkommen legitim sein; wenn sie sich jedoch mehrfach auf engem Raum wiederholt, entsteht daraus der Eindruck, es sei KI-generiert. Der Satz „Und in diesem Takt begann die Leere nicht als Loch, nicht als drohende Abwesenheit, sondern als eine Fläche, die sich glättete“ ist dafür ein gutes Beispiel. Er möchte offenbar poetisch sein, wirkt auf mich aber eher wie eine KI-generierte Plattitüde.
Die besten Stellen des Romans sind authentisch poetisch. Sie beobachten. Sie lassen Lücken. Sie erklären nicht jede Emotion. Die schwächeren Passagen hingegen scheinen dem Text seine eigene Wirkung nicht zuzutrauen, weshalb immer wieder 'zu dick' aufgetragen wird.
Das zeigt sich auch an manchen Motiven, die fast wie nachträgliche Markierungen für die Figur funktionieren. Dass Suki angeblich in einem Aufsatz über Courage lediglich „Das ist Mut“ geschrieben und den Aufsatz abgegeben habe, soll vermutlich ihre Andersartigkeit, ihre Verweigerung gegenüber schulischen Erwartungen oder vielleicht sogar ihre eigentümliche Form von Klarheit charakterisieren. Auf mich wirkt es jedoch eher wie eine Plattitüde, weil man dieses Bonmot doch schon oft gehört hat.
Auch das Nachwort macht dieses Problem sichtbar. Dort formuliert der Autor den größeren Anspruch des Romans: Es geht um die Frage, was es heute bedeutet, jung zu sein, und um etwas Fundamentaleres als Schule oder familiäre Kompetenz – um Verlässlichkeit, um Räume, in denen Zeit wieder als Zeit erlebt werden kann, statt als „endloser Alarm“. Das sind nachvollziehbare Gedanken und sie geben dem Roman einen gesellschaftlichen Horizont. Gleichzeitig ist das Nachwort sprachlich teilweise so platt und wirkt KI-generiert, dass es schon fast wehtut.
Hinzu kommt ein handwerklicher Stolperstein gleich am Anfang: Der erste Perspektivwechsel von Suki zu Frau Fischer beziehungsweise „Anna“ wird so unvermittelt vollzogen, dass zunächst gar nicht klar ist, wer hier erzählt. Erst nach und nach lässt sich die Figur einordnen. Später funktioniert der Wechsel zwischen den Perspektiven deutlich besser. Gerade deshalb fällt der missglückte Einstieg umso stärker auf.
Am Ende bleibt bei mir deshalb ein widersprüchliches Bild. Dieser Roman besitzt etwas, das sich nicht einfach herstellen lässt: eine eigene leise Atmosphäre und ein Gespür für die fragile Nähe zwischen Menschen. Einige Passagen haben mich tief berührt und über die Lektüre hinaus beschäftigt. Gleichzeitig stehen ihnen Sätze gegenüber, die diese Wirkung beinahe mutwillig wieder durch Floskeln, Erklärungen, sprachliche Schablonen oder eine unnötige Bedeutsamkeit zerstören.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich die Schwächen so sehr gestört haben. Wäre der Roman insgesamt belanglos, wären sie kaum der Rede wert. Aber hier ist immer wieder zu spüren, wie viel stärker er sein könnte, wenn er seiner eigenen subtilen Erzählweise konsequenter vertrauen würde. Seine besten Momente brauchen keine große Geste. Sie brauchen nur zwei Menschen, die einander vorsichtig wahrnehmen. Und genau dann ist dieser Roman am überzeugendsten.