Eine Bretterwelt aus den Fugen
Ausnahmsweise beginne ich die Rezension mit einer Szene aus dem Buch. Denn es stellt selbst eine Ausnahme dar. Alles in allem geht es um die sterbende Unschuld einer Kindheit, die einem Menschen zu dem macht, was der Auslöser bewirkte.
Am besten schließt man die Augen und lässt sich folgende Szene vorlesen. Seite 357 und 358.
„Da der Eintritt pro Person berechnet wurde, versteckte Auggie sich auf dem Weg ins (Auto)Kino mit mindestens einer der Schwestern im Kofferraum. [...] Auggie fand es immer toll, sich im Kofferraum zu verstecken und dann direkt vor der Leinwand wieder rauszuhüpfen. [...] Sie (Nadine, Auggies Frau) musste immer wieder daran denken, und irgendwann später sagte sie, sie frage sich, ob Sterben sich wohl so anfühlte. Es ist dunkel und ein bisschen unheimlich, und du weißt nicht, was los ist, aber dann macht dein Vater den Kofferraum auf und fragt, ob alles okay sei, und plötzlich bist du im Kino."
Joey Goebel, der Newcomer der amerikanischen Literaturszene mit bereits beachtlichen Werken, versetzt uns mit seinem neuesten Coup „Sunset Flip“ in die US-amerikanische Fake-Welt des Wrestlings. Vordergründig wird dort der brutale Kampf zwischen Gut und Böse zelebriert, plakativ und durchsichtig. Die Wenigsten machen sich darüber Gedanken, dass es ein Negativ der wahren Lebensrealität darstellt. Während es in einer bemüht heilen Welt oft genug um Grausamkeiten geht, die in der eigenen Familie beginnen und vor nationalen Grenzen nicht Halt machen, stehen sich beim Wrestling die Kontrahenten sogar während der Show zumeist fürsorglich gegenüber, um Sportverletzungen zu vermeiden. Die rohe Gewalt ist dort der zu wahrende Schein. Dieser Kontrast ist das Ambrosia, an dem sich die Fans aus sicherer Distanz laben. Eine Flucht aus dem Alltag, die den Showsport längst zum Kult erhob und die Manager zu steinreichen Figuren wachsen ließen.
Worum geht es konkret?
Auggie, der am liebsten Filmschauspieler wäre, begibt sich in den Ring, um seine Popularität als Sprungbrett für eine Hollywood-Karriere zu nutzen. Zusammen mit seiner großen Liebe Nadine erschafft er mit „The Aug“ ein Alter Ego, das immer mehr die Kontrolle über ihn zu übernehmen scheint. Die glaubwürdige Verzweiflung und die Unberechenbarkeit dieser Figur begeistern seine Fans, sind aber auch Ausdruck seiner wahren Zerrissenheit. Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen zunehmend, bis sich Auggie entscheiden muss, wer er eigentlich zu sein hat, um in der realen Welt bestehen zu können. Der Weg dorthin ist dornig. Obwohl Wrestling kein reiner Unterschichtensport ist, als der es stigmatisiert ist, lehnt Auggie diese Bühne anfangs ab. Um seinem Kindheitstrauma, das er Onkel Tim „verdankt“, und um seiner Betroffenheit über erlittene Armut zu entkommen, möchte er die Show als Karrierechance nutzen, um seinem Ziel, ein berühmter, reicher Schauspieler zu werden, näherzukommen. Seine Herkunft betrachtet er als persönlichen Makel, den er sein ganzes Leben lang loszuwerden möchte. Er verfolgt einen anderen Ansatz, als seine Vorgänger. Er versucht, mit seinem schauspielerischen Können dem Gimmick mehr Tiefe zu verleihen und damit die Fans restlos zu überzeugen. Dies reicht bis zur Selbstaufopferung. Seine Gesundheit steht auf dem Spiel, durch die unmittelbare Gewalt und Medikamentenmissbrauch zur Schmerzbetäubung. Auggie trainiert wie besessen und wirft quasi sein ganzes Leben in diese Chance, ohne sich zu schonen. Das wird vom System honoriert, solange es sich rechnet. Ein Erfolgsgarant für ihn ist es nicht. Die Rolle droht, ihn auszusaugen, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt. Die Liebe zu Nadine wird dabei auf eine härtere Probe gestellt, als so mancher schmerzhafte Move im Ring. Auch seine Familie ist ihm keine Stütze, bis auf die Nichten, die in ihm eher die warmherzige Actionfigur sehen, als die er promotet wird. Dennoch ist er bestrebt, "irgendwie durch den Tag zu kommen" und alles zusammenzuhalten. Ein Leitspruch, den er seiner Kunstfigur The Aug auf den Leib schneidert. Wird es ihm gelingen?
Goebels eigene Begeisterung für Wrestling blitzt immer wieder durch. Parallelen zu echten Wrestlern dürften nicht ganz zufällig sein, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von ihnen, die es in die Filmbranche geschafft haben – jedoch kaum als Charakterdarsteller, was Auggies Talent und Traum entspräche. Auch das Gebaren hinter den Kulissen rund um die Deal-Maker dürfte auf realen Vorbildern fußen, die heutzutage bis in die amerikanische Regierung ragen.
Auf Goebel wurde ich vor kurzem über den kongenialen deutschen Nachwuchsautoren Benedict Wells aufmerksam. Nach den ersten Seiten war ich zunächst skeptisch in welche Richtung dieser Roman driftet: amerikanische Gesellschaftskritik, New Adult oder Sportlerdrama? Aber ich bin froh, dass er nichts von dem ist und gleichzeitig von jedem ein wenig.
Das verschwommene Cover ist gewohnt künstlerisch gehalten. Ein Sportler in der Pose von Auguste Rodins Der Denker deutet mutmaßlich Auggies menschliches Scheitern an. Für mich passend und wieder einmal von hohem Wiedererkennungswert.
Schön wäre noch ein Personenregister gewesen, denn durch den Autoren-Kniff, von einem Zeitpunkt pendelnd immer weiter in die Zukunft und in die Vergangenheit zu springen sowie durch die sehr sparsamen Begleitsätze zur wörtlichen Rede, was manches Mal Rätsel über die Sprecheridentität aufgab, war die Übersichtlichkeit gelegentlich getrübt.
Das letzte Drittel des Romans hat mich sehr begeistert. Das Auseinderdriften von Auggies Träumen, das sich ja auch zeitlich durch die immer größere Spanne zwischen den Kapiteln bemerkbar macht, hat mich selbst mitgerissen. Er überbrückt ja eine gewaltige Distanz zu seinen Träumen, muss so viel opfern und trotzdem auf seine Belohnung hoffen.
Fazit: Mehr sprachliche Brillanz geht nicht! Emotional, authentisch, metaphorisch. Für mich war das ganz großes Kino. 5 Sterne über der Leinwand des Autokinos.
Am besten schließt man die Augen und lässt sich folgende Szene vorlesen. Seite 357 und 358.
„Da der Eintritt pro Person berechnet wurde, versteckte Auggie sich auf dem Weg ins (Auto)Kino mit mindestens einer der Schwestern im Kofferraum. [...] Auggie fand es immer toll, sich im Kofferraum zu verstecken und dann direkt vor der Leinwand wieder rauszuhüpfen. [...] Sie (Nadine, Auggies Frau) musste immer wieder daran denken, und irgendwann später sagte sie, sie frage sich, ob Sterben sich wohl so anfühlte. Es ist dunkel und ein bisschen unheimlich, und du weißt nicht, was los ist, aber dann macht dein Vater den Kofferraum auf und fragt, ob alles okay sei, und plötzlich bist du im Kino."
Joey Goebel, der Newcomer der amerikanischen Literaturszene mit bereits beachtlichen Werken, versetzt uns mit seinem neuesten Coup „Sunset Flip“ in die US-amerikanische Fake-Welt des Wrestlings. Vordergründig wird dort der brutale Kampf zwischen Gut und Böse zelebriert, plakativ und durchsichtig. Die Wenigsten machen sich darüber Gedanken, dass es ein Negativ der wahren Lebensrealität darstellt. Während es in einer bemüht heilen Welt oft genug um Grausamkeiten geht, die in der eigenen Familie beginnen und vor nationalen Grenzen nicht Halt machen, stehen sich beim Wrestling die Kontrahenten sogar während der Show zumeist fürsorglich gegenüber, um Sportverletzungen zu vermeiden. Die rohe Gewalt ist dort der zu wahrende Schein. Dieser Kontrast ist das Ambrosia, an dem sich die Fans aus sicherer Distanz laben. Eine Flucht aus dem Alltag, die den Showsport längst zum Kult erhob und die Manager zu steinreichen Figuren wachsen ließen.
Worum geht es konkret?
Auggie, der am liebsten Filmschauspieler wäre, begibt sich in den Ring, um seine Popularität als Sprungbrett für eine Hollywood-Karriere zu nutzen. Zusammen mit seiner großen Liebe Nadine erschafft er mit „The Aug“ ein Alter Ego, das immer mehr die Kontrolle über ihn zu übernehmen scheint. Die glaubwürdige Verzweiflung und die Unberechenbarkeit dieser Figur begeistern seine Fans, sind aber auch Ausdruck seiner wahren Zerrissenheit. Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen zunehmend, bis sich Auggie entscheiden muss, wer er eigentlich zu sein hat, um in der realen Welt bestehen zu können. Der Weg dorthin ist dornig. Obwohl Wrestling kein reiner Unterschichtensport ist, als der es stigmatisiert ist, lehnt Auggie diese Bühne anfangs ab. Um seinem Kindheitstrauma, das er Onkel Tim „verdankt“, und um seiner Betroffenheit über erlittene Armut zu entkommen, möchte er die Show als Karrierechance nutzen, um seinem Ziel, ein berühmter, reicher Schauspieler zu werden, näherzukommen. Seine Herkunft betrachtet er als persönlichen Makel, den er sein ganzes Leben lang loszuwerden möchte. Er verfolgt einen anderen Ansatz, als seine Vorgänger. Er versucht, mit seinem schauspielerischen Können dem Gimmick mehr Tiefe zu verleihen und damit die Fans restlos zu überzeugen. Dies reicht bis zur Selbstaufopferung. Seine Gesundheit steht auf dem Spiel, durch die unmittelbare Gewalt und Medikamentenmissbrauch zur Schmerzbetäubung. Auggie trainiert wie besessen und wirft quasi sein ganzes Leben in diese Chance, ohne sich zu schonen. Das wird vom System honoriert, solange es sich rechnet. Ein Erfolgsgarant für ihn ist es nicht. Die Rolle droht, ihn auszusaugen, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt. Die Liebe zu Nadine wird dabei auf eine härtere Probe gestellt, als so mancher schmerzhafte Move im Ring. Auch seine Familie ist ihm keine Stütze, bis auf die Nichten, die in ihm eher die warmherzige Actionfigur sehen, als die er promotet wird. Dennoch ist er bestrebt, "irgendwie durch den Tag zu kommen" und alles zusammenzuhalten. Ein Leitspruch, den er seiner Kunstfigur The Aug auf den Leib schneidert. Wird es ihm gelingen?
Goebels eigene Begeisterung für Wrestling blitzt immer wieder durch. Parallelen zu echten Wrestlern dürften nicht ganz zufällig sein, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von ihnen, die es in die Filmbranche geschafft haben – jedoch kaum als Charakterdarsteller, was Auggies Talent und Traum entspräche. Auch das Gebaren hinter den Kulissen rund um die Deal-Maker dürfte auf realen Vorbildern fußen, die heutzutage bis in die amerikanische Regierung ragen.
Auf Goebel wurde ich vor kurzem über den kongenialen deutschen Nachwuchsautoren Benedict Wells aufmerksam. Nach den ersten Seiten war ich zunächst skeptisch in welche Richtung dieser Roman driftet: amerikanische Gesellschaftskritik, New Adult oder Sportlerdrama? Aber ich bin froh, dass er nichts von dem ist und gleichzeitig von jedem ein wenig.
Das verschwommene Cover ist gewohnt künstlerisch gehalten. Ein Sportler in der Pose von Auguste Rodins Der Denker deutet mutmaßlich Auggies menschliches Scheitern an. Für mich passend und wieder einmal von hohem Wiedererkennungswert.
Schön wäre noch ein Personenregister gewesen, denn durch den Autoren-Kniff, von einem Zeitpunkt pendelnd immer weiter in die Zukunft und in die Vergangenheit zu springen sowie durch die sehr sparsamen Begleitsätze zur wörtlichen Rede, was manches Mal Rätsel über die Sprecheridentität aufgab, war die Übersichtlichkeit gelegentlich getrübt.
Das letzte Drittel des Romans hat mich sehr begeistert. Das Auseinderdriften von Auggies Träumen, das sich ja auch zeitlich durch die immer größere Spanne zwischen den Kapiteln bemerkbar macht, hat mich selbst mitgerissen. Er überbrückt ja eine gewaltige Distanz zu seinen Träumen, muss so viel opfern und trotzdem auf seine Belohnung hoffen.
Fazit: Mehr sprachliche Brillanz geht nicht! Emotional, authentisch, metaphorisch. Für mich war das ganz großes Kino. 5 Sterne über der Leinwand des Autokinos.