Zwischen Schein und Sein

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christian1977 Avatar

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Kalifornien, 1989: Auggie Schnuck ist als Wrestler am Höhepunkt seines Lebens angekommen. Mit seiner Frau Nadine plant er eine Familie, und nun hat ihm sein Manager Stan auch noch eine Karriere als Filmstar versprochen. Schon lange träumt Auggie von Hollywood, des Wrestlings ist er längst überdrüssig. Dennoch spielt er seine Figur "The Aug" im Ring nach wie vor mit Bravour. Doch mit der Zeit häufen sich die Vorfälle, in denen Auggie wie aus dem Nichts auch im echten Leben in seine Rolle zurückfällt. Was ist noch Spiel, was Realität? Als Stan einem anderen Wrestler einen Filmvertrag anbietet, nimmt das Verhängnis seinen Lauf...

"Sunset Flip" ist der neue Roman von Joey Goebel, der in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Nicolai von Schweder-Schreiner bei Diogenes erschienen ist. Wie in all seinen Werken stellt sich der ehemalige Punkmusiker auch in seinem neuesten Werk wieder an die Seite der Außenseiter und begleitet seine Figuren mit viel Herz und Empathie. Überraschend daran ist, wie es ihm gelingt, das Wrestling, diese kuriose Mischung aus Sport, Show und Schauspiel, so glaubhaft und spannend in einen Roman einzubinden, dass es über 375 Seiten nie langweilig wird.

Nicht einmal bei John Irving hat Wrestling in einem Roman einen so großen Raum eingenommen wie in "Sunset Flip". Wobei der Altmeister ohnehin in der Regel den klassischen Ringer-Sport meinte und eben nicht das Wrestling, das mich vor gut 35 Jahren in jeder Nacht zu Sonntag den Wecker stellen ließ, um auf Tele 5 mit meinen Helden Papa Shango und Ric Flair mitzufiebern. In Joey Goebels Roman heißt der Held im Ring "The Aug", während sich Auggie im wirklichen Leben immer mehr zu einer Art Antihelden entwickelt. Es ist schlichtweg großartig, mit welchem Feingefühl Joey Goebel seinen tragikomischen Protagonisten zeichnet. Insbesondere im Zusammenspiel mit Nadine wirken dessen zahlreiche Dialoge so glaubwürdig und lebendig, dass man das Gefühl bekommt, einem Film beizuwohnen. Ohnehin sind sehr viele Szenen in "Sunset Flip" nahezu drehbuchartig erzählt. Gleich zu Beginn nähert man sich wie mit einer Kamera einem diskutierenden Paar in einem Auto. Vorhang auf für Auggie und Nadine!

Gerade die Figurenzeichnung ist ein großes Plus des Romans. Fast alle Charaktere weisen ihre Grautöne auf, Auggie begeht zahlreiche Fehler, ohne dass Goebel ihn fallen lassen würde. Stark auch, wie es dem Autor gelingt, einen Bezug zur wirklichen Wrestling-Szene herzustellen. Wer denkt bei schauspielenden Wrestlern nicht an Hulk Hogan oder The Rock? Wer erkennt in den Begräbnisritualen eines Mr. Never im Ring nicht The Undertaker? Für ehemalige und aktuelle Fans des Wrestling ist "Sunset Flip" voller solcher liebevoller Verweise. Doch auch wer - bislang - kein Herz für diese seltsame Kunstform hatte, kommt in dem Roman auf seine Kosten. Denn fast nebenbei erfährt man, was ein Heel und ein Face ist und warum ein Kayfabe manchmal problematisch sein kann.

Eine Schlüsselszene in "Sunset Flip" nimmt der Kampf zwischen The Aug und seinem jungen Kontrahenten Twelve Pack ein. Mit unglaublicher Dynamik begleitet Joey Goebel in einem Kapitel von fast 40 Seiten dieses Aufeinandertreffen und wechselt dabei in die unterschiedlichsten Perspektiven. Noch nie zuvor habe ich in einem Sportlerroman eine derartige Szene gelesen. Wobei "Sunset Flip" mehr ist als ein schnöder Sportlerroman. Vielmehr handelt es sich um ein tragikomisches Drama, das gleichermaßen schmerzt wie berührt, das abstößt und fasziniert. Aber auch um eine Satire, die das Wrestling als eine Welt zwischen Schein und Sein entblößt, um doch gleichermaßen von ihr gefesselt zu bleiben.

Möchte man an dem Roman etwas kritisieren, dann vielleicht, dass die komplex gewählte Erzählstruktur zwischen den beiden zeitlichen Ebenen nicht immer aufgeht. Die Handlungsstränge entfernen sich zeitlich nämlich immer stärker voneinander. Während also The Augs Karriere voranschreitet, begleiten wir Auggie immer weiter zurück bis in seine Kindheit. Das hat einerseits den Vorteil, dass ich während der Lektüre zahlreiche Aha-Effekte hatte, mich aber auch zeitweise in den Ebenen immer mal wieder leicht verhedderte.

Das ändert jedoch insgesamt nichts daran, dass Joey Goebel mit "Sunset Flip" abermals ein großer Wurf der Popliteratur gelungen ist, den die Konkurrenz nicht so schnell aus dem Ring befördern wird.