Über Schuld, Vorurteile und Vergeltung

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kwinsu Avatar

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Nach 18 Jahren Gefängnis kommt Jimmy frei. Er wurde verurteilt, das junge Mädchen Providence brutal ermordet zu haben - auch wenn er das im kompletten Prozess immer bestritt und stets auf den - seiner Meinung nach - wahren Täter hinwies. Providence' Schwester Birdie ist nach Jimmys Freilassung fest entschlossen, Jimmy als Vergeltung zu erschießen.

Emma Stonex ist mit "Sunshine Man" ein gesellschaftskritisches Psychogramm gelungen, das über oberflächliche Spannungselemente hinausgeht. Sie verhandelt vielfältige Themen, wobei Fragen der Schuld, Klassenzugehörigkeit, psychische Krankheiten und Vorurteile im Zentrum stehen. Die Erzählperspektiven wechseln sich zwischen Jimmy und Birdie ab, es wird gesprungen zwischen der Gegenwart (1990er Jahre) und den Kindheits- und Erwachsenenwerdealter der Protagonist*innen.

Weiß man anfangs nur, dass Jimmy Providence etwas schreckliches angetan hat, wird im Laufe des Romans langsam aufgedeckt, was wirklich geschah. Die Schilderungen zeigen auf, dass Jimmy Maguire mit seiner Familie, die der Unterschicht zugeordnet werden kann, unter der Alkoholabhängigkeit der Eltern und besonders unter der Gewalttätigkeit des Vater leiden musste. Dies war für die Menschen im Dorf ausreichend Grund, auch die Kinder auszugrenzen und sie als keinen guten Umgang anzusehen. Dass alle darunter litten und somit noch tiefer in unerwünschtes Verhalten fielen, ist kaum verwunderlich. Aber auch Birdie hatte keine guten Erfahrungen mit ihren Eltern: sie weiß nicht wer ihr Vater ist, ihre Mutter ist ebenfalls suchtmittelabhängig, weshalb sie und ihre Schwester Providence bei ihrer Großmutter aufwachsen, durchaus behütet.

Eine besondere Rolle nimmt Providence ein. Sie wird von allen zutiefst geliebt, scheint alle, die mit ihr zu tun haben, eindringlich einzunehmen, sie wird fast schon als Heilige dargestellt. Diese überbordende Zuneigung ist teilweise bedenklich - einerseits ist Birdie so stark auf sie fixiert und will sie nur für sich alleine, dass dies fast krankhaft wirkt, umso ärger ist allerdings die Verbissenheit von Jimmy ihr gegenüber: er liebt das Kind so sehr, dass dies eindeutig auf eine krankhafte Zuneigung hinweist. Da wir ihre Figur lediglich aus der Sicht dieser beiden erleben, bleibt sie durch den ganzen Roman hindurch nicht greifbar.

Im Laufe des Buches werden also immer mehr Details über das komplexe Geflecht der verschiedenen Beziehungen bekannt, zudem psychische Dispositionen einzelner Charaktere. Einiges vermutet man schon länger, anderes entwickelt sich überraschend. Besonders sind sicherlich die unterschiedlichen Perspektiven, welche unterschiedliche Blickwinkel und auch das Mitfühlen mit den verschiedenen Seiten zulassen. Diese Zuspitzung der Spannung fand ich toll, leider hat mich dann die Auflösung / das Ende doch ein wenig enttäuscht - ich hatte das Gefühl: irgendwas fehlt da noch, das soll es gewesen sein? Das - und die teilweise Vorhersehbarkeit in Hinblick auf die psychischen Erkrankungen - ist auch der Grund, warum ich dem Buch, das ich grundsätzlich sehr gern gelesen habe, auch einen Bewertungsstern abziehen muss. Ansonsten kann ich es als gelungenes Psychogramm über Taten, Vorurteile, verschiedenen Perspektiven und Erkrankungen psychischer Natur nur empfehlen.