Rachethriller mit Tiefgang

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Birdie wacht an einem eiskalten Januarmorgen auf und erfährt, worauf sie achtzehn Jahre gewartet hat: Jimmy Maguire, der Mann, der ihre Schwester ermordet hat, kommt aus dem Gefängnis frei. Sie bringt ihre Kinder zur Schule, ganz normaler Alltag, und steigt danach mit einer Pistole in den Zug nach London. Genau dieser Bruch zwischen Banalität und Mordabsicht ist es, der einen sofort packt. Stonex eröffnet mit einem Satz, der einem regelrecht den Boden unter den Füßen wegzieht, und hält dieses Spannungsniveau über weite Strecken erstaunlich konsequent.
Was das Buch von einem gewöhnlichen Rache-Thriller abhebt, ist die Erzählstruktur: Wir bekommen nicht nur Birdies Verfolgungsjagd quer durch London, Cornwall und zurück nach Devon, sondern auch Jimmys Perspektive, seine Zeit im Gefängnis, sein Versuch, draußen wieder Fuß zu fassen, das Gefühl, gejagt zu werden, ohne genau zu wissen, von wem. Diese doppelte Perspektive macht aus einem simplen „Opfer jagt Täter”-Plot etwas Vielschichtigeres: beide Figuren tragen Kindheiten mit sich herum, die alles andere als unschuldig waren, und je weiter man liest, desto mehr verschwimmen die klaren Linien zwischen Schuld und Unschuld.
Ehrlich gesagt brauchte ich im Mittelteil etwas Geduld. Die parallelen Zeitebenen und Jimmys Kapitel haben mich anfangs etwas aus dem Lesefluss geworfen, weil sie das Tempo merklich drosseln. Aber genau dort, wo ich kurz davor war, ungeduldig zu werden, beginnen sich die Fäden zu verknüpfen, und die zweite Hälfte zieht noch mal richtig an. Stonex’ große Stärke ist sowieso nicht das reine Tempo, sondern die Atmosphäre: Die raue, salzige Küste Devons wird fast zur eigenen Figur, und ihre Sprache hat diese eigentümlich unheimliche, fast schon poetische Note, die schon „Die Leuchtturmwärter” so besonders gemacht hat.
Am Ende ist „Sunshine Man” weniger ein klassischer Thriller als ein psychologisch dichtes Familiendrama mit Thriller-Verpackung, es geht um Trauer, Schuld, die Frage, ob Vergebung überhaupt möglich ist, und ob man der eigenen Vergangenheit je wirklich entkommt. Wer schnelle, geradlinige Spannung sucht, könnte hier und da ungeduldig werden. Wer sich aber auf eine Geschichte einlassen will, die unter die Haut geht und noch tagelang nachhallt, bekommt hier deutlich mehr als nur Krimikost.