Viel Idee wenig Tiefe

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„Sweet Nightmare“ war für mich ein Buch, das sich zunächst sehr vielversprechend angefühlt hat und dann leider immer mehr in sich zusammengefallen ist. Die Grundidee einer paranormalen Academy auf einer abgelegenen Insel hat bei mir sofort Assoziationen zu Monster High geweckt, was ich tatsächlich als etwas Positives empfunden habe. Unterhaltsam, überzeichnet, ein wenig trashy, aber mit Potenzial. Es war außerdem mein erstes Buch der Autorin, weshalb ich ziemlich offen an die Geschichte herangegangen bin.

Besonders sympathisch fand ich die Kapitelüberschriften. Sie sind humorvoll, direkt und teilweise fast frech und haben dem Buch eine gewisse Leichtigkeit verliehen. Gerade am Anfang haben sie mir wirklich Lust gemacht weiterzulesen. Leider blieb es für mich bei genau diesen Momenten.

Das größte Problem liegt für mich ganz klar in der fehlenden Tiefe. Es gibt unglaublich viele Charaktere, was grundsätzlich spannend sein könnte, hier aber dazu geführt hat, dass ich zu niemandem eine wirkliche Verbindung aufbauen konnte. Freundschaften und Beziehungen bleiben blass und austauschbar. Auch zu den Hauptfiguren fiel mir der Zugang schwer, da sie auf sehr wenig Substanz getragen werden. Vieles wird angerissen, aber kaum erklärt oder emotional erlebbar gemacht.

Besonders enttäuscht hat mich das Worldbuilding. Die Welt funktioniert nach Regeln, die man nie wirklich kennenlernt. Das Magiesystem bleibt vage und jede paranormale Figur scheint anders zu funktionieren, ohne dass erklärt wird wie oder warum. Gerade die Protagonistin als Manticore hätte enormes Potenzial geboten, um mythologische Tiefe zu schaffen. Stattdessen bleibt diese Eigenschaft eher ein Label als eine ausgearbeitete Identität.

Mit der Protagonistin selbst bin ich grundsätzlich zurechtgekommen. Man merkt ihr an, dass es sich um ein Jugendbuch handelt, was mich nicht grundsätzlich stört. Was mich jedoch zunehmend genervt hat, ist ihre Passivität. Sie braucht sehr lange, um Dinge zu verstehen, die dem Leser längst offensichtlich sind, und bekommt kaum etwas eigenständig auf die Reihe. Oft wirkt sie wie eine klassische Jungfrau in Nöten, die immer wieder vom mysteriösen, verschlossenen und natürlich attraktiven ehemaligen besten Freund gerettet werden muss.

Der Love Interest war für mich leider ein kompletter Reinfall. Mürrisch, wortkarg, voller Geheimnisse, düster und extrem stark. Ich merke immer mehr, dass ich keine Geduld mehr für diese Art von Figur habe. Emotional unzugänglich, kaum greifbar und trotzdem ständig als idealisierte Rettung inszeniert. Das fühlt sich für mich nicht mehr spannend, sondern schlicht ermüdend an.

Auch die Handlung selbst konnte mich nicht überzeugen. Sie wirkt wirr und ein klarer roter Faden fehlt fast komplett. Es passiert unglaublich viel, oft auch Dinge, die nicht wirklich relevant wirken, und gleichzeitig kommt die Geschichte kaum voran. Das gesamte Buch spielt innerhalb von zwei Tagen, ohne Verschnaufpause, ohne Fokus und ohne Raum, um Ereignisse wirklich wirken zu lassen. Statt Spannung entsteht vor allem Chaos.

Hinzu kommt, dass das Buch extrem handlungsfokussiert ist. Das ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, geht hier aber stark auf Kosten der Charaktertiefe. Mir persönlich sind Figuren sehr wichtig und wenn sie kaum Entwicklung durchmachen dürfen, verliere ich schnell das Interesse. Besonders problematisch fand ich die Art der Problemlösung. Sobald die Protagonistin in Schwierigkeiten gerät, wird sie gerettet oder bekommt erklärt, was sie tun muss. Sie setzt es um, es klappt und das nächste Problem steht an. Raum für Scheitern, eigenes Wachstum oder echte Konsequenzen gibt es kaum.

Stilistisch fällt außerdem auf, dass viel erzählt statt gezeigt wird. Gefühle, Konflikte und Wendepunkte werden benannt, aber selten wirklich erfahrbar gemacht. Gerade zum Ende hin passieren viele Dinge, die essenziell für den Plot wirken, dann aber kaum beleuchtet oder emotional aufgefangen werden.

Auch die vielen Popkultur Referenzen haben mich eher gestört. In Fantasy bin ich davon ohnehin kein großer Fan und hier werden sie so häufig wiederholt, dass sie mich immer wieder aus der Geschichte gerissen haben.

Unterm Strich bleibt „Sweet Nightmare“ für mich eine chaotische und überladene Geschichte mit einer interessanten Idee, die leider nicht ausgearbeitet wird. Unterhaltsame Momente gibt es, aber insgesamt ist das Buch zu oberflächlich, zu wirr und zu sehr auf Tempo statt Tiefe ausgelegt. Für mich bleibt vor allem das Gefühl, dass hier sehr viel Potenzial verschenkt wurde.