Leicht und schwer
Die Tage am Fluss bringen Veränderung. Sengende Sommerhitze liegt über Saras norddeutschem Hof am Fluss, der der sich langsam in einem bedenklichen Zustand befindet. Sie betreibt die Fähre, die das Dorf mit der Stadt verbindet, lebt zurückgezogen mit Hühnern, Schafen und ihrer Hündin.
Eines Tages spült der Fluss Leon an ihr Ufer, Umweltaktivist, Kampfgeist, auf der Flucht. Er bleibt, hilft bei Reparaturen, stellt Fragen. Unbequeme Fragen. Sie brechen die gut geschützten Mauern auf, bringen die Stützbalken des alten Hofs ins Wanken.
Zu allem Überfluss plant der Bürgermeister eine Brücke über den Fluss, die nicht nur die Natur bedroht, sondern auch Saras Existenz.
Sara und Leon sind ideale Antagonist*innen. Leon stellt Fragen, Sara schweigt. Er ist jung und voller Energie, sie verbannt die unkontrollierbare Traurigkeit hinter einer Mauer aus Härte, Muskeln und Schmerz.
Tage am Fluss singt das Lied der Natur, fließt im Rhythmus des Wassers und verdichtet harmonisch die verschiedenen Themen zu einer sommerlichen Elegie.
Jochen Mariss bleibt nah an den Figuren und erzählt die wenigen Tage aus zwei Perspektiven. Die Sprache spiegelt die Draaturgie, die Dialoge fliegen, die Emotionen kochen zum Siedepunkt. Die Natur ist Ruhepol und Anker, doch die Tage werden heißer, die Luft verdichtet sich, bis sie sich in einem infernalischen Gewitter entlädt.
Tage am Fluss ist ein herrlicher Sommerroman. Er erzählt vom Mut, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, vom filigranen Band des Vertrauens und der schier übermenschlichen Kraft, der es manchmal bedarf, zuerst den Schmerz und dann die Heilung zuzulassen. Es hält ein eindringliches Plädoyer für den achtsamen Umgang mit unserem Planeten und zeigt ein beeindruckendes Gespür dafür, der Schwere das Gewicht zu nehmen.