Retten wir die Natur - oder rettet die Natur uns?

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missmarie Avatar

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“Diese Linde fragte sich nicht, wo sie hingehörte. Leon fragte sich das andauernd. Wo war sein Platz in dieser verrückten Welt? Eine Welt, in der machtgeile alte Männer Kriege anzettelten, die Natur und die Menschen ausbeuteten [...]?”

Sara Harmsen ist ein Charakter, eine Typin, möchte man sagen. Sie lebt alleine auf dem "Grünen Mond", dem Stück der Insel, die sie per Fähre mit dem Festland verbindet. Traditionsbewusst führt sie das Unternehmen in vierter Generation, auch wenn der im Sommer immer weiter sinkende Pegel ihr das Arbeiten zunehmend erschweren. Die Fähre kann immer seltener fahren, auch bei Starkregen ist sie oft nicht einsatzbereit. Deswegen fordern einige Dorfbewohner den Bau einer Brücke. Betonpoller mitten in den uralten Flussauen, eine Schnellstraße neben Saras Grundstücksgrenze. Dass die bärbeißige Frau wenig davon hält, lässt sich leicht erahnen.

Obwohl im Klappentext kaum beworben, geht es in Mariss Romandebüt "Tage am Fluss" nicht nur um Sara und Leon, ihren unerwarteten Besucher. Leon steht eines Tages verletzt auf der Fähre und bittet um Unterschlupf. Ihm gelingt es nach und nach, an Sara harter Schale zu kratzen. Doch die besondere Beziehung zwischen den beiden ist nur eines er Kernthemen. Denn eigentlich geht es um den Klimaschutz. Denn sowohl Sara als auch Leon sind - aus unterschiedlichen Gründen - von der zunehmenden Klimaerwärmung betroffen und wollen etwas dagegen unternehmen. Hier liegt Mariss eigentliche erzählerische Leistung: Er lässt uns Lesende spüren, wo uns der Klimawandel schon heute beeinflusst. Zwar erhebt er mit der Figur Leon dabei auch ab und an den moralischen Zeigefinger, denn dieser Protagonist hat einen Hang zu pathetischen Reden. Dennoch ist es gerade Saras Situation, die zeigt: Mit jedem heißen Sommer mehr müssen auch wir den Konsequenzen eines heißeren Weltklimas entgegenblicken.

Dem Autor gelingt es, beiden Figuren tief zu verleihen, in dem er Sara und Leon glaubwürdige Hintergrundgeschichten schreibt, die sich Stück für Stück über das Buch enthüllen. Auch die wechselnden Perspektiven machen das Lesen zu einem spannenden Erlebnis. So erfährt man oft, wie Sara und Leon die bzw. den jeweils andere(n) sehen und beurteilen. Dem gegenüber steht manchmal eine recht pauschale Ablehnung "der da oben". Da ist der Bürgermeister, der vor allem sein eigenen Ansehen im Blick hat, oder der Polizist, der Demonstranten rücksichtslos aus dem Wald holt. Dass er dabei auch nur eine Anweisung ausführt, wird nicht erwähnt. Hier finde ich, macht es sich Mariss zu einfach. Ein schnell gezimmertes Feindbild, das dem Roman viel Überzeugungskraft nimmt.