Unterhaltsam und zugleich nachdenklich stimmend
Der 71jährige Autor hat sich bisher mit Fotografien und Gedichten einen Namen gemacht. Nun ist mit „Tage am Fluss“ sein Debutroman erschienen. Zwar mögen das wunderschöne Cover und der Klappentext einen leichten Sommerroman versprechen, doch der Text erweist sich als weitaus tiefgründiger.
Sara Harmsen, eine Frau Ende Vierzig, lebt allein mit ihrer Hündin Luna, drei Schafen und sieben Hühnern auf einem abgelegenen Hof am Fluss. Daneben betreibt sie in vierter Generation eine kleine Fähre, die das Dörfchen Erlengrund mit der nächstgelegenen Kreisstadt verbindet. Die menschenscheue Frau hat sich in ihrer Einsamkeit gut eingerichtet. Doch nicht wenigen im Dorf ist die Fähre ein Dorn im Auge. Sie wünschen sich endlich eine Brücke über den Fluss und versprechen sich davon eine zuverlässigere Anbindung und Touristen im Ort. Dazu bräuchte man allerdings das Grundstück „Zum grünen Mond“ um Saras Haus. Diese ist aber keineswegs bereit, ihr „kleines Paradies“ herzugeben und sich selbst überflüssig zu machen, obwohl der zunehmend niedrigere Wasserstand einen geregelten Fährbetrieb erschweren.
Eines Abends taucht als letzter Fahrgast ein junger Mann auf, durstig, mit verschmutzter Kleidung und blutender Schläfe. Sara verarztet die Wunde und lässt ihn eher widerwillig bei sich übernachten.
Dieser Leon ist ein engagierter Klimaaktivist, der an einer Waldbesetzung beteiligt und dabei mit der Polizei in Konflikt geraten war. Er hofft, bei der mürrischen Frau ein paar Tage Unterschlupf zu finden. Obwohl Sara ahnt, dass Leon etwas zu verbergen hat, lässt sie sich darauf ein. Im Gegenzug soll er ihr zur Hand gehen. Bei den Arbeiten an Haus und Hof kommen sich die beiden ungleichen Charaktere näher. Es eint sie die Liebe zur Natur, deshalb kann Sara auch auf Leons Unterstützung im Kampf gegen die örtlichen Brückenbefürworter rechnen.
Jochen Maris hat mit Sara und Leon zwei komplexe Figuren geschaffen, die beide schwer an alten Wunden, Schuldgefühlen und Ängsten leiden. Und es dauert lange, bis sie ihr Misstrauen überwinden und sich öffnen können.
Ein dominanter und gewalttätiger Vater, in dessen Schatten eine verkümmerte Ehefrau und ein verängstigter Sohn, dazu ein schreckliches Erlebnis in der Vergangenheit haben aus Sara eine Frau gemacht, die Angst hat vor tieferen Bindungen, ihre Unabhängigkeit bewahren will und deshalb die Menschen meidet. Lieber kümmert sie sich um ihre Tiere, ihr Haus und ihren Garten, auch wenn die Arbeit für eine Frau allein zu viel ist. Zukunftsängste versucht sie zu verdrängen.
Leon steht stellvertretend für all die jungen Menschen, denen die Probleme in der Welt, allen voran der Klimawandel, nicht gleichgültig sind, sondern die aktiv werden. Dabei plagen ihn viele Zweifel. Was kann er tun und was bewirken? „ Er hatte das Gefühl, vor einem Haus zu stehen und verzweifelt zu rufen: Es brennt! Die Leute kamen an ihre Fenster und brüllten zu ihm runter: Ruhe! Sie fühlten sich in ihrem schönen Leben gestört. Sie wollten nicht hören, was er sagte, weil er schlechte Nachrichten überbrachte. Dass es die Wahrheit war, spielte dabei keine Rolle.“
Bei Sara ( und bei mir ) findet er ein offenes Ohr für seine Ängste. Wer so wie sie ( und ich ) mit und in der Natur lebt, kann die warnenden Anzeichen nicht übersehen.
Diese Figur des Leon gibt dem Autor die Möglichkeit, seine „Botschaft“ glaubhaft und nicht aufdringlich rüberzubringen.
Neben den authentischen Figuren sorgen die poetischen Naturbeschreibungen und die stimmungsvollen Schilderungen dafür, dass kein Thesenroman daraus geworden ist.
Das Buch lässt den Lesenden trotz der verhandelten Themen nicht trostlos zurück.
Indem Sara sich auf die Beziehung zu dem fremden jungen Mann einlässt, kann sie vieles mit anderen Augen sehen. Und sie lernt, Vergangenes loszulassen und sich selbst zu verzeihen.
Und auch Leon findet seinen Platz im Leben.
So ist es nur folgerichtig, wenn Jochen Maris sein Buch all denen widmet, „die trotz allem, was tagtäglich geschieht auf unserem blauen Planeten, nicht aufgeben, nicht abstumpfen, nicht verbittern, nicht gleichgültig werden, …, sondern Tag für Tag, so gut es geht und auf ihre Art, dem Unrecht die Stirn bieten und das Leben umarmen.“
Es ist zu wünschen, dass dieser unterhaltsame Roman mit seiner emotionalen Geschichte Leserkreise erreicht, die sich ansonsten wenig mit ökologischen Fragen auseinandersetzen und die so für diese Problematik sensibilisiert werden können.