Ein unkonventionelles Leben auf der Suche nach dem Licht

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Dieses Buch ist speziell. Ich empfehle, mit nicht zu speziellen Erwartungen an die Lektüre heranzugehen und sich insbesondere dabei nicht zu sehr auf den Klappen- und Umschlagtext zu verlassen, denn diese könnten eine Erwartung auslösen, die dieses Buch dann nicht erfüllen kann.

Kernthema dieses Buches ist für mich das Innenleben einer Frau, die auf der Suche nach Orientierung ist und dabei tief in sich hineinfühlt, im Außen immer wieder ein Licht wahrnimmt und diesem folgen will. Aus dieser Beschreibung zeigt sich vielleicht schon: es ist von großem Vorteil, wenn man selbst eine Verbindung zu Spiritualität und Mystik hat, wenn man an diesem Buch Gefallen finden möchte. Vorangestellt ist dem Buch folgendes Bibelzitat aus dem Johannesevangelium: "Es leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können". Für mich bezieht sich dieses Licht stark auf Ivy und ihren Weg, und es kommt auch im Buch immer wieder vor als etwas, das ihr eine neue Richtung weist. Überhaupt findet sich so einiges an interessanter Symbolik in dem Buch, auch speziell bezogen auf die Ostermythologie.

Erzählt werden exemplarisch einige Tage aus dem Leben Ivys, jeweils um die Osterzeit, und in ganz unterschiedlichen Lebensabschnitten, von der jungen Frau bis ins hohe Alter.

Wer an das eigene Leben ausschließlich rational-planerisch herangeht, Kontinuität sehr schätzt, das für die einzig richtige Herangehensweise ans Leben hält und mit intuitiven Eingebungen und plötzlichen Richtungswechseln im Leben nichts anfangen kann, der wird sich mit der Hauptfigur Ivy möglicherweise schwer tun.

Denn Ivy ist keine, die sich im Leben auf eine Rolle beschränkt und sie wird, jeweils ihren momentanen Intuitionen und ihrem gefühlten inneren Kompass folgend, ganz unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Leben machen wollen: das reicht von der konventionellen Rolle als Mutter und Partnerin, allerdings eines 25 Jahre älteren Mannes, über eine Verliebtheit, Schwärmerei und schließlich Affäre und Partnerschaft mit einer anderen Frau bis zu einem Ausflug in ein ganz anderes Leben als Nonne in einem Kloster.

Es gibt solche Menschen, die das Gefühl haben, dass das Leben sie in ganz verschiedene Richtungen zieht und dass es für sie dran ist, ganz unterschiedliche Erfahrungen zu machen, um sich in Summe vollständig zu fühlen und das Gefühl zu haben, den eigenen inneren Lebensplan zu erfüllen. Da sind wir wieder bei der spirituellen Komponente: Ivy, schon in eine unkonventionelle Künstlerfamilie geboren, aber bei sich selbst keine besonderen Talente in dieser Hinsicht entdeckend, fühlt sich nicht in ein standardisiertes Schablonenleben passend. Zwar gibt es die Zeit mit Töchtern und Mann, doch sie ist immer eine Persönlichkeit, die viel Raum für Rückzug und ihr Innenleben braucht.

So erleben wir auch den Roman: aus Ivys sehr spezieller Perspektive, die schon als Jugendliche fernab von den traditionellen Geschlechterrollen ihrer Zeit ist: "Vielleicht, so überlegte sie, lag das daran, dass sie keine Frau wie andere war. Schon als Kind hatte Ivy das Gefühl gehabt, ihre Seele sei nicht ganz weiblich." (S. 37)

Zeitlich umspannt der Roman ein ganzes Leben: von der Jugend Ivys zur Zeit des 2. Weltkrieges in Großbritannien und danach, über die Jahrzehnte danach, bis in die Gegenwart. Das dient allerdings nur als eher schwach ausgearbeiteter Rahmen für Ivys Persönlichkeit: zwar werden etwa der Krieg, Bombardierungen und Rationierungen erwähnt, aber insgesamt bleibt das Zeitgeschehen blass gestaltet und die Figuren und insbesondere Hauptfigur Ivy wirken kaum in der jeweiligen Zeitperiode verankert. So ist zum Beispiel in der Reaktion der Umwelt auf Ivys durchaus exzentrische Handlungsweisen wenig Unterschied zwischen den 1940ern und späteren Zeitperioden spürbar.

Am spannendsten wird das Buch, wenn man den Lesefokus tatsächlich auf die Persönlichkeitsstudie Ivys legt und weniger um das Geschehen drumherum: dann kann das Bild einer unkonventionellen Frau entstehen, die es dahin zieht, viel zu erleben und zu erfahren in ihrem Leben, und ganz unterschiedliche, scheinbar für die meisten Menschen ganz unvereinbare Dinge zu erleben, immer geführt von ihrem inneren Kompass und dem im Außen wahrgenommenen Licht. Ich finde es spannend, darüber nachzudenken, was für eine interessante Persönlichkeit das am Ende ihres Lebens sein muss, die so ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht und in ihrem Leben vereint hat. Wer offen dafür ist, sich mit so einer durchaus nicht so häufig vorkommenden Persönlichkeit tiefer zu beschäftigen und sich auch für Lebensentwürfe und Einstellungen zu öffnen, die möglicherweise sehr stark von den eigenen abweichen, kann aus diesem Buch einiges an Inspiration mitnehmen.

Wer sich hingegen ein eher lineares, gut in der jeweiligen Zeitepoche verankertes Buch mit vielfältigen interessanten Interaktionen zwischen tiefgründigen Figuren statt der ausführlichen Innenschau einer Figur erwartet, ist mit anderen Büchern besser beraten.