Eine Erleuchtung für die Spirituellen

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kwinsu Avatar

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Gleich vorweg: ich bin absolut unspirituell und unreligiös und habe kein Talent darin, Spuren dieser Wahrnehmungsformen zu entdecken. Das ist auch der Grund, warum ich diesen Roman auch nicht verstanden habe. Erst durch die intensive Diskussion mit anderen ist mir dahingehend ein Licht aufgegangen - allerdings macht diese Erkenntnis aus "Tage des Lichts" für mich auch kein gutes Buch, weil ich Haltung und Geschehen einfach nicht nachvollziehen kann.

Es geht in diesem Buch um Ivy, deren Lebensgeschichte anhand von 6 ausgewählten Tagen erzählt wird. Mit 19 Jahren muss sie ein traumatisches Ereignis miterleben: ihre geliebter Bruder Joseph ertrinkt beim gemeinsamen Schwimmen. Während er um Hilfe schreit, ist Ivy zwar neben ihm, schwebt aber geistig in anderen Dimensionen und bekommt somit auch seinen Todeskampf nicht mit. Seine Leiche wird nie gefunden. Das beschäftigt Ivy zeitlebens, nicht aber die anzunehmenden Schuldgefühle, die sie haben könnte. Die weiteren Tage werden im Laufe ihres langen Lebens erzählt, zum Schluss ist sie 80 Jahre alt. Ihr Leben war durchaus bewegt - Anziehung zu einen wesentlich älteren Mann (der sie absurderweise schon als Baby heiraten wollte), Kinder, die wirklich innige Liebe zu einer Frau, eine unerwartete, religiöse Entscheidung, die ihr Leben schlagartig verändert und das gute Ende zum Schluss. Das alles umrahmt von ihrer Familie, die fix im Künstler*innen-Milieu verankert ist und entsprechend enttäuscht ist, dass Ivy nicht auch künstlerische Avancen an den Tag legt. Die Geschichte erstreckt sich im Zeitraum von 1938 bis ins Jahr 1999, immer zur Osterzeit in England.

Mit der Sprache der Autorin hab ich mir nicht leicht getan. Sie schreibt schon eingängig, aber besonders die ersten 50 Seiten haben sich für mich enorm gezogen, ich hab kaum mehr Erinnerung daran, außer, dass ich Sätze immer und immer wieder lesen musste, ohne dass sie hängen blieben. Danach wird es besser, aber so richtig in den Bann gezogen hat mich das Buch nicht. Hinzu kommen einige schräge Metaphern, die einen staunen lassen - ist das Kreativität oder tut das weh, wenn beispielsweise ein Phoenix aus den Fluten steigt oder Lebenserfahrungen an ihrer Schwerkraft im Herzen gemessen werden. Aber vielleicht liegt hierin auch der tiefere Sinn, den ich nicht nachvollziehen kann. Durch die Diskussionen zu dem Buch wurde mir klar, dass die Autorin schwerwiegende christliche Symbolik verwendet, die sich mir mangels entsprechendem Wissen bzw. Kenntnissen nicht erschlossen. Das Thema Licht und Dunkelheit zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, auch wenn ich die Lichterscheinungen oft schwerlich finden konnte. Das hat wohl ebenfalls etwas mit Spirituellem zu tun. Dass dadurch aber jegliche Realität ausgeblendet wird, ist für mich allerdings vollkommen unverständlich.

Die Geschichte wird mittels personalem Erzähler erzählt, dieser führt uns ganz nah zu Ivys Empfindungen. Es scheint, als würde sie in ihrer Geistesblase schweben und nur schwerlich Bezug zur Realität finden. So sitzt sie - während die Bomben über England fallen - mit ihrer Liebe am Dach und betrachtet die romantischen Aspekte des Raketenflugs. Grundsätzlich scheint Ivy eine Getriebene zu sein, aber niemals eine Suchende. Dinge passieren ihr, ohne, dass sie sie bewusst lenkt. Und vor allem: sie weiß nie was sie will. Wer kennt es nicht, aber so als komplette Lebensgeschichte erzählt, wirkt das auf mich sehr unglaubwürdig. Oder halt spirituell.

Mein Fazit: "Tage des Lichts" wird sicher viele begeistern, die sich als spirituell bezeichnen. Für mich, die keinen Zugang dazu hat, war das Buch eine Mischung aus Ärgernis und Unglaubwürdigkeit, mit wenigen, aber doch vorhandenen Eingänglichkeiten.