Schöne Harmonie von Stil und Inhalt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
lesenmithirn Avatar

Von

In „Tage des Lichts“ erzählt Megan Hunter die Lebensgeschichte von Ivy, die in England in einem unkonventionellen Künstlerhaushalt aufwächst. Zu Beginn der Geschichte ist Ivy 19 Jahre alt, es ist der Ostersonntag 1938. Die Familie versammelt sich zur alljährlich wiederkehrenden Familienfeier, die durch einen tragischen Unfall ein jähes Ende findet, das den weiteren Lebensweg aller Anwesenden prägen wird.
Ivy‘s weiteres Leben wird an Hand von fünf weiteren Tagen erzählt, die sich über 61 Jahre verteilen. Jeder dieser Tage bedeutet einen Einschnitt in Ivy‘s Leben und ist der Beginn eines bedeutsamen Richtungswechsels, der weniger auf Ivy‘s Entscheidungen beruht, als auf einer sich langsam innerlich vollziehenden Entwicklung. Doch es bleibt immer die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Lebens, die verhindert, dass Ivy in den jeweiligen Situationen zu sich selbst findet und sie bejaht. Was wäre, wenn…
Das wird in poetischem, assoziativem Stil erzählt; wie Ivy sich mit sich selber nicht identifizieren kann, so geht es auch dem Lesenden: die Figur bleibt schwebend, im Ungefähren, man kommt ihr lange nicht nah. Am ehesten gelingt das gegen Ende des Buches, als Ivy dann doch zu der alles verändernden Entscheidung fähig ist und zu sich findet.

Der Stil mit seinen vielen Assoziationen, von äußeren Eindrücken hervorgerufenen wechselnden Stimmungen und Empfindungen, völlig unlinear, sprunghaft, erinnert stark an Virginia Woolf, die Megan Hunter, wie man erfahren kann, genauestens studiert hat.
Man muss sich beim Lesen auf diese Erzählweise einlassen können, bereit sein, den äußeren Geschehnissen fast nur durch Ivy‘s Empfindungen zu folgen, was bisweilen etwas mühsam ist. Dennoch halte ich diese Erzählweise für eine besondere, der Geschichte sehr angemessene Kunst. Dass das heute noch möglich ist, wusste ich sehr zu schätzen.
Ein Buch für nachdenkliche, geduldige Leser mit einem gelungenen Cover, das das Thema „Licht“ aufgreift.