Tragische Figur eines Stubenhockers

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Ivy wächst in den 1920ern in einer kleinen Künstlerkolonie aus Malern und Autoren in Cressingdon/South Downs/Sussex auf. Ihre Hauptbezugsperson scheint das mütterliche Hausmädchen Anne zu sein. Da in Ivys Familie die Begabungen bereits vergeben und die Erwachsenen mit sich beschäftigt sind, macht sich niemand die Mühe, Ivys Talente zu entdecken. Herablassend stichelt hier eine Clique leicht kränkbarer Künstlernaturen gegen Ivys Durchschnittlichkeit. Bisexuelle Beziehungen mit jeweils neuen Partnern und Kinder, die irgendwie dazwischen aufwachsen, legen eine Spur zur Bloomsbury-Group. An Virginia Woolf, die 1918 geborene Vanessa Bell, ihre Tochter Angelica Bell und deren Ehemann David Garnett sind Megan Hunters fiktive Figuren angelehnt.

In Ivys Elternhaus stand fest, dass Vater Gilberts Liebling, der ältere Sohn Joseph, eine angesehen Privatschule besuchen wird. Für eine untalentierte Tochter wie Ivy lohnte Investition in Bildung nicht, sie wird heiraten und hat daher liebenswert zu sein. Ivy wirkt wie ein unbeschriebenes Blatt, in deren Leben geschieht, was ihre Gesellschaftschicht vorschreibt. Als an einem Ostersonntag Joseph der Familie seine Freundin Frances vorstellen will, passiert das Unvorstellbare: vom Schwimmen mit Ivy im kalten Fluss kehrt Joseph nicht zurück. Da sein Verschwinden nicht aufzuklären ist und er theoretisch an anderer Stelle den Fluss lebend verlassen haben kann, wird von nun an ein Schatten von Verantwortung auf Ivy lasten und die verwaiste Familie nicht loslassen.

Sechs Jahre später treffen wir Ivy verheiratet mit dem viel älteren „Bear“ und als Mutter zweier Töchter wieder. Zeitsprünge führen u. a. zu einem Wiedersehen mit Frances, Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, Ivys Witwendasein, ihrer Suche nach Gott und bis ins hohe Alter 1999. Über Ivys körperliche und emotionale Entwicklung während der Zeitsprünge scheint wenig zu berichten zu sein. In ländlicher Idylle wie aus der Zeit gefallen aufgewachsen, fragt Ivy ihren Bear ebenso wenig wie Frances ihren Gatten, welcher Tätigkeit die mit der Bahn pendelnden Ehemänner in London eigentlich nachgehen und wie das Geld in die Haushaltskasse gelangt.

Fazit
Vor der Kulisse einer unkonventionell lebenden Künstler- und Literatengruppe folgt die Autorin in Zeitsprüngen den Wendepunkten im Leben ihrer Protagonistin Ivy, offenbar einer Frau ohne Ziele und Interessen. Aus der Sicht von Ivys Generation könnte man hier ein Bild der Umbrüche des 20. Jahrhundert erwarten, das man als Leser:in jedoch selbst ableiten muss. Auch wenn mich die farblos wirkende Ivy schließlich noch überraschen konnte, spricht mich Megan Hunters erzählerische Lückentechnik nicht an. Zwar vermittelt der Roman die trügerische Sicherheit ländlicher Abgeschiedenheit sehr poetisch, u. a. die Folgen eines tragischen Verlusts für die betroffene Familie bleiben jedoch der Phantasie ihrer Leser:innen überlassen.