Tragische Figur eines Stubenhockers

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Der wohlhabende Literaturprofessor Arthur Opp lebt im eigenen Haus und müsste für seinen Lebensunterhalt nicht unterrichten. Als in seinem Abendkurs der Erwachsenenbildung die 19jährige Arzthelferin Charlene dem doppelt so alten Arthur verfällt, realisiert der bewunderte Dozent bald, dass Charlene in das Bild von sich als Studentin (und das zwingend in Manhattan) verliebt ist, seine Anforderungen an Student:innen jedoch nicht erfüllt. Anstatt die junge Frau an Kollegen zur Beratung zu vermitteln oder selbst einen Weg zu suchen, wie sie ihren Bildungshunger evtl. beruflich stillen könnte, sonnt Arthur sich in Charlenes Bewunderung. Das Fehlen professioneller Distanz als Pädagoge macht Arthur nicht gerade sympathisch und lässt Schlimmes befürchten. Fast 20 Jahre später hat Charlene die Stadt offenbar längst verlassen, Arthur unterrichtet seitdem nicht mehr und verlässt aufgrund seines grotesken Übergewichts weder das Haus, noch betritt er das erste Stockwerk. Da er sich alles ins Haus liefern lassen kann, gibt es seit dem Tod seiner platonischen Freundin Marty, die im Nachbarhaus lebte, für ihn keinen Grund mehr, hinauszugehen. All das erzählt Arthur als Icherzähler im Präsens.

20 Jahre lang hatte Arthur in seinem Briefwechsel mit Charlene ein imaginäres Bild von sich gepflegt, das unweigerlich fallen muss, als Charlenes Sohn Kel Kontakt zu ihm sucht, weil seine Mutter Arthur als ihren besten Freund bezeichnete, der ihm bei seiner Entscheidung zwischen Studium und Karriere als Profi-Baseballer behilflich sein würde. Mit dem Wechsel zu „Kel“ als zweitem Icherzähler fällt unser Blick auf Charlene, die sich, verarmt und chronisch krank, auf ihre Weise von der Welt zurückgezogen hat. Dass Mutter und Sohn von ihrer geringen Arbeitsunfähigkeitsrente und Lebensmittelmarken für Bedürftige leben, hat der junge Mann nicht realisiert. Egal, wie er sich entscheiden wird, er kann seine kranke Mutter nicht verlassen, ob als Student oder als Sportler. In New York hat Arthur inzwischen eine zarte, junge Immigrantin als Haushaltsperle eingestellt, in der man Ähnlichkeiten zu Charlene entdecken könnte. Neben der Anteilnahme an Einzelschicksalen entlarvt „Der andere Arthur“ die gnadenlose US-Klassengesellschaft, in der Krankheit und Einsamkeit offenbar die größten Armutsrisiken sind.

Fazit
Der Frage, ob es Arthur und Kel (stellvertretend für Charlene) gelingen wird, 20 Jahre der Scham und Hilflosigkeit abzuschütteln und aufeinander zuzugehen, geht Liz Moore mit großer Empathie nach. Das Rätseln, ob Arthurs Rolle als „Betreuer“ sehr junger Frauen in schwierigen Verhältnissen im Rahmen bleiben wird, erzeugte bei mir jedoch eine Gänsehaut. Faszinierend finde ich, wie es Arthur und Kel trotz ihres eigenen beschränkten Blicks gelingt, in der Begegnung mit anderen Figuren die Sicht Außenstehender wahrzunehmen.