Wenn das Paradies feuer fängt!
Was mich an diesem Einstieg besonders neugierig macht, ist die Erzählperspektive. Die direkte Anrede der Protagonistin – „Fräulein Wolf“ – wirkt zunächst fast wie ein Gespräch mit einer unsichtbaren Person. Gleichzeitig entsteht eine eigentümliche Nähe: Wir sitzen mit Gertrude auf ihrer Veranda, riechen die Tuberosen, spüren die Hitze und sehen dabei zu, wie ihr Ärmel langsam Feuer fängt. Dieses konsequente „Du“ gibt dem Text etwas Filmisches und gleichzeitig leicht Unheimliches.
Überhaupt ist die Sprache ein großer Pluspunkt. Sie ist detailreich, atmosphärisch und durchaus eigenwillig ohne sich in historischen Beschreibungen zu verlieren. Zwischen Hibiskus, Geckos, Pferdebahn und Opium mischen sich trockener Humor und überraschend moderne Formulierungen. Besonders schön finde ich, dass das historische Honolulu nicht wie eine Kulisse abgefilmt wird, sondern geradezu über die Sinne entsteht: Man hört die Vögel, riecht die Blumen, spürt die feuchte Wärme – und gleichzeitig liegt über all dieser Schönheit bereits die Ahnung einer Katastrophe.
Und dann diese reizvolle Figur der Gertrude Wolf: eine deutsche Auswanderin, Wahrsagerin, Gesellschaftsdame, selbstbewusste Außenseiterin und offenbar jemand, der tatsächlich Visionen hat. Ob sie nun ein Medium ist oder eine ausgesprochen scharfe Beobachterin, bleibt zunächst angenehm offen. Ihre Biografie wird nicht brav ausgebreitet, sondern beiläufig in den Erzählfluss eingewoben. Das macht Lust, hinter diese Frau zu kommen.
Besonders gelungen finde ich auch die Verbindung von persönlichem Schicksal und großer Geschichte. Gertrudes Vision vom brennenden Hawaiʻi bekommt eine erschreckende Bedeutung, als Emma Nāwahī schließlich die Nachricht vom Putsch überbringt. Das Private und das Politische beginnen ineinanderzugreifen – und plötzlich wird aus einer etwas skurrilen Frau auf einer tropischen Veranda eine mögliche Zeugin eines historischen Untergangs.
Der anschließende Perspektivwechsel zu Emma und der Sprung in die brodelnde Stadt funktionieren ebenfalls gut: Honolulu ist nun kein paradiesischer Garten mehr, sondern ein politischer Hexenkessel. Besonders der bissige Zeitungsartikel über den „Diebstahl“ eines Landes zeigt, dass der Roman offenbar nicht nur atmosphärisch, sondern auch mit Witz und Haltung erzählen möchte.
Ein kleiner, aber wichtiger Tipp für die Lektüre: Eine Personenliste vorne im Buch ist hier wirklich Gold wert. Schon im Einstieg tauchen historische Persönlichkeiten, politische Akteure, Freundinnen und Nebenfiguren auf – und dazu kommen die hawaiischen Namen und zahlreichen historischen Bezüge. Gerade weil die Geschichte offenbar eng mit den realen Ereignissen von 1893 verwoben ist, hilft eine solche Liste enorm, den Überblick zu behalten.
Mein erster Eindruck: Das ist kein Einstieg, der höflich um Aufmerksamkeit bittet. Er zieht einen mitten hinein – mit brennendem Ärmel, Opiumnebel und einem Paradies, das gerade dabei ist, unterzugehen.Und genau deshalb möchte man weiterlesen.