Blutrote Blüten im Paradies

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Betrachtet man das Cover von Sabrina Janesch’s neuem Roman Territorium, kann sich schnell eine Art positiver Irritation einstellen. Zu sehen ist eine wunderschöne Zeichnung von Strand, umrankt von Blüten, in Blau, Beige und Rot gehalten. Genau dieses Rot scheint nicht so ganz passen zu wollen – als ob sich hier etwas Bedrohendes, etwas Blutrotes in die Idylle einschleichen möchte. So ist es denn auch. Die Idylle Hawaii, für Einheimische, Deutsche, Amerikaner und Chinesen gleichermassen, wird zerstört durch die Machtgier der Amerikaner, die, im Sinne der Manifest Destiny, Zivilisation durch Annexion bringen wollen. Denn eine Monarchie, das scheint altmodisch.

Und so nehmen die Dinge ihren Lauf, die Bewohner Hawaiis sind gefangen zwischen Anpassung und Akzeptanz, dass man die eigene Souveränität verloren hat, und Rebellion. Zwischen diesen Optionen muss sich ein ganzes Arsenal an Figuren entscheiden, allen voran die Königin und deren Freundinnen, die Journalistin Emma und die «Wölfin» schlechthin, das Medium Gertrude, eine Figur, wie es sie nur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegeben haben kann. Sie alle zweifeln, verzweifeln, entscheiden und verwerfen. So entsteht ein vielschichtiges Geflecht aus Emotionen, das durch den Schreibstil noch grösser wird. Die Erzählperspektive wechselt von der zweiten zur dritten Person, um dann bei der Königin in der ersten Person Plural zu landen. Hier hat Janesch Grosses geleistet. Es ist nicht einfach, einen scheinbar spontanen Erzählwechsel bei spezifischen Figuren aufblitzen zu lassen. Die Wechsel wirken spontan und mühelos, sind aber erzählerisch höchst präzise gesetzt. Auch der Wechsel in Sprache zwischen Deutsch, Hawaiianisch und Englisch ist pointiert. Die Geschichte ist ernst, aber immer wieder kommt es zu Sprachwitz, bei dem man als Leser zumindest vor sich hingrinst.

Wer einen gut recherchierten Roman sucht, der sich auch mit der Gegenwart auseinandersetzt, der ist als Leser sehr gut bedient. Territorium ist nicht ein klassischer historischer Frauenroman, in dem es zu einer romantischen Geschichte zwischen Mann und Frau kommt und die Vergangenheit eher als Kutsche im Hintergrund steht. Der Roman stellt einen bedeutenden Moment in der Geschichte Hawaiis dar, in dem nicht heldenhaft die Entscheidung feststand, sondern wo man verwirrt ist, abwartet, Gin trinkt und dann doch für’s Unmögliche kämpft - Blutrote Blüten im Paradies.